Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
315
Einzelbild herunterladen
 

Handel und Kapitalismus

315

zu tun haben, ist nichts unrichtiger als Sombarts Be-hauptung, daß auch sie lediglich von der Idee derNahrung beherrscht gewesen seien. Vergessen wirdoch nicht, daß hei allen Völkern, insbesondere auchbei den germanischen Völkern des Mittelalters, dieersten Kaufleute Fremde gewesen sind. Das gilt nichtbloß für die Römer, Syrer und Juden, die, wie be-richtet wird, von unersättlicher Erwerbsgier getrieben,zu den nördlichen Völkern gekommen sind, sondern nichtminder für die Kaufleute der italienischen Seestädte,die mit dem Orient, mit Afrika und miteinander Handeltrieben, und die nie von etwas anderem als kapita-listischem Geiste beseelt gewesen sind, und nicht minderfür die nordischen Kaufleute, als diese von den fremdenzu ihnen gekommenen Händlern den Handel gelernthatten. Man erinnere sich, was schon die KapitularienKarls des Großen 1 ) von der grenzenlosen Gewinnsuchtder Kaufleute berichten, oder denke an die Hanseaten,unter deren rücksichtslosem Streben nach Gewinn dieEngländer, Skandinaven und Russen sich aufbäumten,

*) So heißt es in einem Kapitulare von 806:Diejenigenmachen schimpflichen Gewinn, welche darauf ausgehen, um desGewinnes willen und mittelst verschiedener Kniffe alle Arten vonGütern aufzuhäufen. Das richtet sich augenscheinlich nichtgegen handwerksmäßigen Handelsbetrieb, der nichts anderes er-strebt als seine Nahrung. Und ebenda heißt es an anderer Stelle:Wer immer zur Erntezeit oder zur Zeit der Weinlese nicht, weiler es braucht, sondern aus Gewinnsucht Getreide und Wein kauftund aufbewahrt, bis er wieder verkaufen kann usw.; und einsolcher wird in Gegensatz gesetzt zu dem, deraus Not kauft,um es selbst zu brauchen oder an andere zu verteilen (sieheBoretius, Kapitularien I 132, § 16, 17), also zu dem, der bloßnach seinerNahrung strebt. Vgl. auch A m i e t, Die französi-schen und lombardischen Geldwucherer des Mittelalters, namentlichin der Schweiz, in den Jahrbüchern für schweizerische Geschichte1, 183, Jahrgang 1876: quod scüicet quidam clericorum et lai-corum ... in tantam turpissimi lucri rabiem exarserint, ut multi-