Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
358
Einzelbild herunterladen
 

358

Lujo Brentano

sehr seine Kämpfe als Ritter mit den Vorschriftenunseres Herrn im Widerspruch zu stehen schienen. DerHerr fordert uns auf, unser Kleid und unseren Manteldem zu geben, der da kommt, uns desselben zu be-rauben. Die Pflicht des Ritters dagegen ist, dem, demer bereits Kleid und Mantel genommen hat, auch alles,was ihm noch bleibt, zu nehmen. Und ist nicht dasalte deutsche Reich an der Erwerbsgier zugrunde ge-gangen, welche die großen Vasallen antrieb, die Kroneihres Domanialbesitzes und aller ihrer übrigen nutz-baren Rechte zu berauben!

Und auch theoretisch finden wir schon früh imgermanischen Mittelalter, ganz ebenso wie bei Am-brosius und Augustinus , das Streben nach größtmög-lichem Vorteil als die Handlungsmaxime, von der dieMenschen geleitet würden, ausgesprochen; in derDisputation ') zwischen Alcuin und Pippin , dem zweitenSohne Karls des Großen, findet sich folgender Dialog:Pippin :Wovon haben die Menschen nie genug?Alcuin:Vom Gewinn. Und in Byzanz schreibtKaiser Konstantin VII * 2 ):Sie haben von Natur, wiees scheint, eine Gier in sich, daß sie Alles haben wollenund immer noch mehr, und daß sie auch für kleineDienste die höchsten Preise fordern.

Somit unterscheiden sich die Wirtschaftsstufenund Wirtschaftsformen nicht psychologisch durch Be-grenztheit und Unbegrenztheit des Bedürfens. Es istnicht, wie Marx und nach ihm Sombart gesagt haben,daß es das 5 charakteristische Merkmal der kapitalistischen Periode sei, daß in ihr das Erwerben auf mehr alsdas Maß des persönlichen Bedürfens sich richte, währendes in früherer Zeit an dieser Grenze haltgemacht

*) Siehe Oeuvres dAlcuin II 3524.

2 ) De administratione imperii 81 f.