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der kirchlichen Armenpflege zeigt, daß sie ihren Be-sitz keineswegs in strenger Befolgung ihrer Eigentums-lehre verwaltet hat. Als Folge hat, wie ich aus-geführt habe, die von der Kirche verlassene Entsagungsich in die Klöster geflüchtet 1 ). Allein auch da hat derWiderspruch der dargelegten ethischen Postulate mitder Natur des Menschen die unvermeidlichen Folgengezeitigt: auf eine kurze Blütezeit des Ideals folgteallenthalben eine lange Zeit des Verfalls. Daher dieNotwendigkeit fortwährender Erneuerung der Orden,deren Wirkung doch nur kurze Zeit vorhielt, woraufwieder neue Anläufe notwendig wurden, sie zu ihremAnfang zurückzuführen. Ich habe dargelegt, wie diewirtschaftliche Entwicklung zu einer bemerkenswertenMilderung der ursprünglichen Strenge der kirchlichenLehre geführt hat. Nicht als oh der Kampf gegendas Streben nach dem größtmöglichen Gewinn auf-gegeben worden wäre; die Kirche predigt nach wievor die Entsagung als das Ideal. Aber die praktischeRichtung behielt die Oberhand, und angesichts desunerhörten Aufschwungs, den der Handel im Gefolgeder Kreuzzüge genommen, hat sich insbesondere auch
zur letzten: nämlich warnen, mit sittlichen Werturteilen an dasStudium des Wirtschaftslebens heranzutreten. An der Hand derGeschichte wollte ich dartun: „Wie die Erscheinungen der Natur,so sind auch die Ordnung im Wirtschaftsleben und die Änderungenin demselben, welche die Bedingungen, unter denen die Menschenleben, und deren natürliche Entwicklung mit sich bringen, Aus-fluß jener Vernunft, welche das Weltganze beherrscht.“ Vor-gefaßte ethische Urteile seien daher Hemmnisse der Erkenntnis.Aber während ich der Ansicht bin und dafür auch Belege bei-gebracht habe, daß die ethische Beurteilung durch die Wirtschafts-entwicklung bestimmt wird, nicht aber sie bestimmt, scheintTroeltsch der umgekehrten Anschauung zu huldigen; das hat viel-leicht sein Verständnis dessen, was ich gewollt habe, beein-trächtigt.
’) Vgl. oben S. 180—190.