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Parlament der Heiligen auseinanderjagte und die Herr-schaft an sich nahm, um einerseits die religiösen Idealezu retten, andrerseits die Auflösung aller sozialen undstaatlichen Ordnung zu hindern.
Unterdessen während diese Kämpfe sich abspielten,hat sich in der Stille die empirische Philosophie ent-wickelt, welche, indem sie voraussetzungslos an dieErforschung der Dinge herantrat, dazu gelangte, aufallen Gebieten den Einklang der natürlichen und sitt-lichen Weltordnung darzutun. Eine neue Welt ist mitihr angebrochen. Eine ihrer Töchter ist auch diemoderne Volkswirtschaftslehre.
Ich habe also in meiner Rektoratsrede von 1901einerseits die Bedeutung der Reformation, insbesonderedie Calvins und der Puritaner, für die veränderteStellungnahme des sittlichen Denkens zum Reichtumhervorgehoben, andererseits aber nicht aus der Lehreder Puritaner, sondern aus der Lehre der ethisch vor-aussetzungslosen empirischen Philosophie jene Lehrehervorgehen lassen, welche von dem Menschen ausgehtals von einem Wesen, das, vom Verlangen nach Reich-tum beherrscht, mit dem geringstmöglichen Aufwandseine Bedürfnisse möglichst vollkommen zu befriedigenstrebt.
Seitdem ich diese Ausführungen gemacht habe,hat Max Weber seine Aufsätze über „Die protestanti-sche Ethik“ und den „Geist des Kapitalismus “ ge-schrieben 1 ), worin er den Calvinismus noch in ganz
') Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik XX. undXXL Band, 1904, 1905. Die Arbeit hat in weiten Kreisen derWissenschaft reichen Beifall gefunden. Aber auch ablehnendeKritik ist nicht ausgeblieben. Siehe insbesondere Felix R ach-fahl, Calvinismus und Kapitalismus, in der InternationalenWochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, 1909,Nr. 39—43. Dagegen dann Max Weber, Antikritisches zum