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einen ganz sicheren Weg gehen wollten. Den ersterensagte sie: „Wenn wir Nahrung und Kleider haben,so lasset uns begnügen“, und ferner: „Ein jeglicherbleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist“. Denen,die nach Vollkommenheit strebten, empfahl sie dieWeltflucht. Mit dieser Lehre hat der Protestantismusgebrochen. Er hat die katholische Unterscheidung derSittlichkeitsgebote in für alle gültige Gebote und dennach Vollendung Strebenden erteilte Ratschläge ver-worfen. Als das einzige Mittel, Gott wohlgefällig zuleben, erklärte er nicht eine Überbietung der inner-weltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese, sondernausschließlich die Erfüllung der innerweltlichenPflichten, wie sie sich aus der Lebensstellung desEinzelnen ergeben, die dadurch eben sein „Beruf“ wird.Es ist in dieser Beziehung bezeichnend, daß sich sogardas Wort Beruf, englisch „calling“, zuerst in der Bibel-übersetzung Luthers findet, und zwar als Ausfluß desGeistes des Übersetzers, nicht desjenigen des Originals,während die lateinisch-katholischen Völker das WortBeruf im Sinne von Lebensstellung, von umgrenztemArbeitsgebiete, nicht kennen.
Aber, lehrt Weber, wenn auch der Begriff desweltlichen Berufs mit diesem religiösen Beigeschmackauf Luther zurückgeht, so doch nicht die Auffassungdes Erwerbs als Berufsarbeit. Sie war ihm ebensofremd wie der katholischen Kirche . Luther ist nochdurchaus Traditionalist. Das in Paulus ’ Brief anTimotheus an alle gerichtete Gebot: „Wenn wir
Nahrung und Kleidung haben, lasset uns begnügen“,sowie die Stelle im Korintherbrief: „Ein jeglicher bleibein dem Beruf, darinnen er berufen ist“, ist für ihnnoch ebenso maßgebend wie für die Lehre der katholi-schen Kirche . Daher bei den Lutheranern dieselbetraditionalistische Lebenshaltung wie bei den Katholiken.