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Geist vor Calvin allerdings nicht gegeben; denn sogroß die Ausbildung ist, welche der Kapitalismus immittelalterlichen Italien erlangt hat, zur Verklärungder Erwerbsgier als einer „ethisch gefärbten Maximeder Lebensführung“ hat er es nicht gebracht. Danngibt es aber auch heute keinen kapitalistischen Geist;denn daß der Geist des heutigen Kapitalismus nicht„ethisch“ verklärt ist, wird nicht von Weber betritten.
Faßt man aber den Begriff des kapitalistischen Geistes so, wie er der Wirklichkeit entsprechen würde,d. h. so, daß er jedwedes grenzenlose Streben nachGelderwerb umfaßt, so erscheint als der Hauptmangelder Weberschen Darlegungen seine völlige Ignorierungder heidnischen Emanzipation vom Traditionalismus,von der ich, wie oben wiedergegeben worden ist, inmeiner Rektoratsrede von 1901 gesprochen habe. Liden Städten Italiens, zumal in seinen Seestädten, hatseit dem Altertum der Handel nicht aufgehört, einegroße Rolle zu spielen. Bei jedem Güterumsatz aberwar das Ziel, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen,um möglichst großen Gewinn zu ziehen, wie die imvorstehenden schon des öfteren zitierten Kirchenväterund Kirchenlehrer bezeugen. Das entsprach freilichnicht deren Lehren; aber es entsprach dem römischenRecht, das seine Geltung in Italien nie ganz verlorenhatte und in dem Maße, in dem der Handel an Be-deutung gewann, wieder zur Herrschaft gelangt ist.Das römische Recht aber lehrte, daß bei Kauf undVerkauf jeder das natürliche Recht habe, einen Gegen-stand, der tatsächlich mehr wert sei, für einen Geringeszu kaufen, und einen Gegenstand, der weniger Wertbesitze, für einen hohen Preis zu verkaufen. Das standallerdings mit der Lehre der Kirche im Widerspruch,die nur den gerechten Preis zulassen wollte. Darunterverstand sie einen den Beschaffungskosten entsprechenden