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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Preis; aber ich habe oben dargelegt, in welcher Weisedie unter dem Druck der sich fortentwickelnden wirt-schaftlichen Verhältnisse stattfindende Fortentwicklungder Lehre vom gerechten Preis tatsächlich der Be-rechtigung jedweden Gewinns Tür und Tor geöffnethat, bis schließlich die Erkenntnis, daß derjenige, derin seinem Privatleben Christi Lehre befolge, zu Schadenkomme, zu jener Emanzipation von der Lehre desSeinsollenden geführt hat, die in Macchiavellis Lehredes Seienden gipfelte. Denen aber, welche nicht bloßals gute Juristen, sondern auch als gute Christen lebenwollten, bot die Lehre von der Pflicht, den Überflußüber das standesgemäß Nötige den Armen zu geben,den Ausweg, das Streben nach Reichtum mit dem gutenGewissen zu versöhnen. Wenn der venezianische Kauf-mann in der Markuskirche die Worte des hl. Hierony-mus las: Omnis dives aut iniquus aut iniqui haeres,so sah er darin nicht die Aufforderung, sich desStrebens nach Reichtum zu enthalten, sondern nur die,mittelst des über seinen standesgemäßen Bedarf Er-worbenen Gutes zu tun; und Jakob Fuggers Ausspruch,daß er gewinnen wollte, dieweil er könnte, war nicht,wie Weber schreibt, der Ausfluß einer persönlichensittlich-indifferenten Neigung, sondern, wie sein ganzesan praktischer Betätigung der Frömmigkeit reichesLeben zeigt, nichts anderes als der Ausdruck derLehre, die der ehemalige Kleriker in sich aufgenommenhatte, als er nach seinem Austritt aus dem geistlichenStand die hohe Schule des Handels in Venedig bezog.Was er aussprach, war die Lebensregel der dortigenGeschäftskreise. Für die Anhäufung von Kapital aberkam es auf dasselbe hinaus, ob der fromme Katholikgroßen Gewinn machte und dann in großen Stiftungenund Almosenspenden sich einen Platz im Himmelsicherte, oder der Calvinist nach großem Gewinn strebte