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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

und gleichzeitig als Bankiers großen, einzelne sehrgroßen Reichtum erworben haben. Zahlreiche, vielfachpalastähnliche Villen aus dem 17. und 18. Jahrhundert,die noch heute in der Tremezzina stehen, sind mittelstdes so erworbenen Reichtums von ihnen erbaut worden.Noch der ältere Bruder meines Vaters, Franz Brentano ,der bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts das vonmeinem Großvater übernommene Geschäftshaus inFrankfurt geleitet hat, war einer der ersten Frank-furter Kaufleute seiner Zeit. Aber er war keinPuritaner außer in seiner allgeachteten Rechtschaffen-heit und Ehrbarkeit; er war zeitlebens gläubigerKatholik, selbst zur Zeit, da alle seine Geschwisterungläubig waren. Aber er war trotz seines außer-ordentlich erfolgreichen Geschäftssinns kein Banause,der puritanisch in jedem, selbst dem edelsten Genüsseetwas Sündhaftes erblickte. Er war ein ungemein fein-sinniger Kunstkenner, bei dem ebendeshalb Goethe gernweilte, ein hilfreicher Freund Beethovens und ein Wohl-täter der Armen; also ein großer Kaufmann, wennauch nicht an Größe seines Reichtums, so doch seinerGesinnung dem Jakob Fugger und den großen italieni-schen Kaufleuten in der Glanzzeit Italiens ähnlich;und ganz charakteristisch für den großen katholischen Kaufmann waren die Worte, die er auf seinem Sterbe-bett immerfort wiederholte, Aufforderungen, Almosenzu geben. Auch heute noch gibt es unter den großenKapitalisten gläubige Katholiken von ähnlicherDenkungsart.

Nichtnur aber, daß Webers Theorie die Emanzipationvom Traditionalismus ignoriert, welche in Italien zurglänzendsten Entfaltung des Kapitalismus geführt undes in der zweiten Hälfte des Mittelalters zum reichstenLand in Europa gemacht hat, ich erachte auch seineZusammenbringung der Schätzung der Profanarbeit