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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Aufforderung, im Knechtzustand zu beharren, wenn mandurch Gottes Fügung in diesen Stand versetzt ist.Augustinus allerdings hat sich dafür ausgesprochen,auch Sklaven zum Klosterleben zuzulassen, da vieledarunter schon den Beweis großer Tugend gegebenhätten 1 ). Aber eben seine Schriftüber die Arbeitder Mönche zeigt, daß viele die Klöster nur aufsuchten,um einem harten und dürftigen Leben in der Welt zuentrinnen, sich ernähren und kleiden und außerdemnoch von denen ehren zu lassen, die gewohnt gewesen,sie zu verachten und zu unterdrücken. Außerdemkonnte es einen Konflikt der Pflichten geben, wenn einSklave zum Kloster zugelassen oder zum Priester ge-weiht würde. Daher trotz Augustins Befürwortungder Zulassung von Sklaven zum heiligen Leben schonPapst Leo I. Sklaven zu Priestern zu weihen verbotenhat; und bei ihrem Ausschluß sowohl vom Klosterlebenals auch vom geistlichen Stand, außer wenn ihreHerren zustimmten, ist es während des Mittelaltersgeblieben 2 ).

Ebenso setzt der Begriff vocatio im Sinne vonBerufung zu einem begrenzten Arbeits-gebiet seinem innersten Wesen nach die Freiheitvoraus, dem B-ufe Folge zu leisten; eine vocatio konntealso nur au Freie ergehen. Daher das Wort vocatio,Beruf, im Sinne von banausischer Tätigkeit währenddes Mittelalters nicht gebraucht wird. Begreiflich,wenn wir die damalige Gliederung der Gesellschaftins Auge fassen. Wir haben eine klassische Schilderungderselben in dem Gedichte des Bischofs Adalbero vonLaon aus dem Jahre 1006, gerichtet an König Robert

0 De opere monachorum, c. 22.

2 ) Decretum Gratiani, prima pars, distinetio f>4.