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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Arbeit und Sparsamkeit hatte es den Handwerkernmöglich gemacht, in den Zunftkämpfen ihre eigenenregierenden Geschlechter zu bestehen. Daher sahensie mit Verachtung auf den sowohl auf dem Schlacht-feld als auch durch verschwenderisches Leben bei un-genügendem Erwerb immer mehr zurückkommenden.Ritterstand.Es ist gewiß nicht zufällig, daß dieeinzelnen Gewerbekorporationen Ämter oder officia,welches Wort den Begriff eines persönlich Dienendenvoraussetzt, genannt werden. Mag immerhin das Wortäußerlich von den Handwerksämtern auf den Fron-höfen entlehnt sein, bei dem völlig verschiedenen, wirt-schaftlichen wie juristischen Charakter des Fronhofsund der Zunftämter hätte es sich schwerlich so langeerhalten und so allgemein verbreitet, wenn nicht jeneAuffassung der Pflicht gegen die Stadt dieüberall geltende gewesen und auch den einzelnen Zunft-genossen zum Bewußtsein gelangt wäre. Daß dies auchin der Tat der Fall gewesen, folgt aus den Zunft-urkunden und Zunftinstitutionen mit Evidenz. Wennwir die zahlreichen Zunftstatuten und Ordnungen durch-lesen, so tritt uns aus ihnen überall, oft mit direktausgesprochenen Worten, die Anschauung der Zünfteentgegen, daß die Förderung des gemeinenWohls ihre Pflicht, daß sie um des gemeinenNutzens und Bestens willen das Hecht ihrer Organisa-tion haben, und wo dieselben nicht mehr gewahrtwerden, auch ihr Recht verwirkt ist. Schoenberg,der diese Sätze geschrieben *), hat sie mit einer großenZahl von Auszügen aus Urkunden belegt. Wenn demaber so war, so ist es naturgemäß, wenn, ebenso wiein den Kompromissen der wirtschaftlichen Lehren des

l ) G. Schoenberg , Zur wirtschaftlichen Bedeutung desdeutschen Zunftwesens im Mittelalter. Berlin 1868, S. 38.