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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Puritanismus und Kapitalismus

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Thomas von Aquin die Wirtschaftsentwicklung, welcheder Okzident, namentlich Italien , seit den Kreuzzügen -genommen hatte, sich spiegelt, nun auch in der Zeitder Blüte der Zünfte, wie Weber sich ausdrückt 1 ),Ansätze zu einer Auffassung des wirtschaftlichenBerufs der Städter als einer von Gott gestellten Auf-gabe bei Tauler (gest. 1861) sich finden. Und ebensonaturgemäß ist es, daß die Reformatoren, deren Lehre,statt wie die Kirche des Altertums und des Mittel-alters in der Entsagung, in der Erfüllung der inner-weltlichen Pflichten den Weg zum ewigen Leben sah,diese Auffassung nun auch auf die Erfüllung derBerufspflichten ausdehnte, wie sie vom Bürgertumlängst als Handwerksehre, als Bürgerehre, als Stärkedes Bürgertums in seinem Kampf gegen die Feudalitätund den Adel, als Pflicht zur Förderung des gemeinenWohls und dementsprechend als Pflicht gegen die Stadterkannt worden war. Insbesondere aber mußte dieseLehre in den Ländern auf fruchtbaren Boden fallen,wo wie in Holland das Bürgertum im Kampfe gegendie Gewaltherrschaft der Spanier oder wie in Schott-land und England im Kampfe gegen den Absolutismusder Stuarts und der Kavaliere begriffen war. Sie gabdem, worin schon seit Jahrhunderten die Stärke desMittelstands gelegen war, der unermüdlichen Arbeitim Berufe und der Sparsamkeit, die Stütze religiöserBegeisterung.

Aber wenn auch Luther, Calvin und die ver-schiedenen independentistischen Sekten die Erfüllungder weltlichen Berufspflichten als eine von Gott ge-wollte Aufgabe lehrten, so lehrten sie damit mit-nichten den kapitalistischen Geist. Daß Luther nochvöllig in traditionalistischem Geiste befangen gewesen

fl Archiv für Sozialwissenschaft usw. XX, 38.

L. Brentano , Der wirtschaftende Mensch.

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