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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Nun sollte man meinen, daß ein Mann, der sooffene Augen für die Völker erhebende Macht desKapitals hat, den Kapitalismus als etwas unter ge-wissen Bedingungen Notwendiges anerkennen würde.Aber vielleicht, daß ihn nur seine Scheu vor Wert-urteilen davon abgehalten hat. Sein Grundsatz, sichaller Werturteile zu enthalten, hat ihn freilich nichtabgehalten, entgegengesetzte Werturteile abzugeben.Oder ist es kein Werturteil, wenn er, wie schon dar-gelegt worden ist, das Streben nach Reichtum überdas Maß des zur Deckung des Bedarfs Notwendigenfür widernatürlich erklärt? Oder wenn er, da dasunbegrenzte Streben nach Reichtum erst mit der Ver-selbständigung des Sachvermögens in der kapitali-stischen Unternehmung entstanden sei, den Kapitalismusfür ein Wirtschaftssystem erklärt'),das wider dieNatur (oder neben der Natur) sich aufbaut ? Oderwenn er schreibt 2 ) :Moderner Kapitalismus ist nichtsanderes als Ausstrahlung jüdischen Wesens, und dem-entsprechend, wie ein roter Faden, durch sein ganzesBuch der Gedanke sich hinzieht, daß das jüdische Volkin seinem ganzen Dichten und Trachten etwas Wider-natürliches sei ?

Folgerichtig erwächst ihm das Problem, woherdieses widernatürliche Wesen der Juden kommt. Hiernun der Punkt, wo seine Lehre an die Max Webers anschließt, dabei diese aber in seiner Weise eigentümlichweiter entwickelt. Weber hat, wie oben dargelegtworden ist, die Voraussetzung für das Streben nachGeld und immer mehr Geld in einer besonderen Dis-ziplinierung des triebhaften Menschen, in einer Ratio-nalisierung des Lebens zu einer irrationalen Lebens-

*) Sombart, Die Juden usw. S. 281,*) Ebenda S. 38.