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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

leben. Denn, wie Sombart des weiteren ausführt, diejüdische Religion sei nicht ein Erguß des Herzens,sondern ausschließlich das Werk des rechnenden Ver-standes. Rationalismus in seiner reinsten Verkörperungsehe selbst zwischen Gott und dem Menschen nurein rein geschäftsmäßiges Verhältnis 1 ).

Diese Darstellung des Geistes der jüdischen Reli-gion hat bei den jüdischen Gelehrten heftigen Wider-stand hervorgerufen 2 ). Sie haben Sombart vorgeworfen,daß er das Zerrbild, das er von der jüdischen Religionentworfen habe, nicht auf Grund eingehenden Studiumsdes Judentums gewonnen habe; vielmehr habe er inseinem früheren Werke über den modernen Kapitalis-mus eine Schilderung dieses gegeben; dann habe erMax Webers Untersuchungen über die Zusammenhängezwischen Puritanismus und Kapitalismus gelesen undangesichts der weit schärferen Ausprägung der fürdie kapitalistische Entwicklung bedeutsamen Ideen desPuritanismus in der jüdischen Religion das Bild, daser vom modernen Kapitalismus entworfen, von außenhei-, wie eine Etikette, dem Judentum aufgeklebt 3 ).Zu dem Zwecke habe er 1. aus den jüdischen Schriftendas Viele, was ihm nicht paßt, einfach totgeschwiegen,und 2. wo er Stellen aus dem jüdischen Schrifttum

l ) Ebenda S. 244.

a ) Siehe u. a. die beiden AufsätzeDas jüngste Bild vomJudentum des Freiburger Rabbiners Dr. Max EschelbackerinOst und West, Heft 12 vom Dezember 1911, und Heft 2 vomFebruar 1912; ferner Dr. M. Steckelmacher , Randbemerkungenzu Werner Sombart Die Juden und das Wirtschaftsleben,Berlin 1912.

3 ) Vgl. hierüber auch Ernst Tröltsch, Die Bedeutungdes Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt,München und Berlin 1911, S. 71:Sicherlich falsch ist die ein-fache Vereinerleiung der puritanischen und jüdischen Religionund Wirtschaftsethik.