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den Armen bestimmte Anteile an allem Gute, an be-weglichem wie an unbeweglichem, abgeben. Dasmosaische Recht sab im Almosen ein Mittel zur Wieder-herstellung der durch die Verteilung des allen ge-hörigen Eigentums unter die einzelnen zeitigen Nutz-nießer gestörten normalen Ordnung. In einer Religion,die von so unkapitalistischen Grundanschauungen überden Besitz ausgeht, die ideelle Grundlage des Kapitalis-mus erblicken zu sollen, ist eine starke Zumutung.Aber über diese Eigentumsordnung des Alten Testa-ments findet sich bei Sombart kein Wort. Er ignoriertdas Buch Hiob , das seiner Theorie von der Rechen-haftigkeit des Verhältnisses des jüdischen Menschenzu seinem Gott völlig widerspricht, und den Psalm 73,der vor Ärgernis an dem Glück der Gottlosen warntund mit dem Versprechen schließt: „Aber ich bleibestets bei dir; du hältst mich bei meiner rechten Hand.Nach deinem Ratschlüsse wirst du mich leiten undmich . . . annehmen. Wen habe ich im Himmel? undaußer dir begehre ich nichts auf Erden. Wäre gleichmein Fleisch und mein Herz dahingeschwunden —Gott ist immerdar meines Herzens Fels und mein Teil.“Er verweilt nur bei jener Rationalisierung des Lebens,die dem Judentum alle Anschaulichkeit, alle auf-nehmende schöpferische Sinnenkraft, „alles unmittel-bare Sich-in-die-Welt-, Sich-in-die-Natur-, Sich-in-den-Menschen-Versenken“ genommen und den Juden fremdgemacht habe „der heiligen Begeisterung für das Gött-liche in der Sinnen weit 1 )“.
Also es fehlt den Juden infolge des Einflussesihrer Religion alle Anschaulichkeit, alle aufnehmendeund schöpferische Sinnenkraft und jedwede Begeisterungfür das Göttliche in der Sinnenwelt! Darauf hat