Judentum und Kapitalismus
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von je sein Gefühl und seinen Verstand beunruhigt.Um die Sinnenlust dem Gefühl von Recht und Un-recht zu unterwerfen, muß er seinen sinnlichen TriebenGewalt antun. Er fürchtet Strafe, wenn er es nichttut. Er erfindet Mittel, einerseits seinen Trieben zufolgen, andererseits der Strafe zu entgehen. SolcheMittel sieht er in Opfern, Zeremonien und Gebräuchen.Auch nach der Weltanschauung der alten Griechenwurden die Missetäter, sei es in diesem, sei es in einemzukünftigen Leben gelohnt und gestraft. Dem frommenMann, heißt es bei Sophokles 1 ), sind hold die Götter;ihm mehren sie die goldenen Schätze; den Bösen hassensie; ihm senden sie Pest und Verderben 2 ). Im Hadesaber walten Minos , Rhadamantys und Aeakos ihresRichteramts und Tityos, Tantalos, Sisyphos erduldetenunsägliche Qualen, weil sie sich auf Erden gegen dieGötter vergangen hatten. War dem Frevler aber dieStrafe in diesem oder jenem Leben gewiß, so mußteer auf Sühnung der Schuld denken, und die Götterwaren versöhnlich. So läßt Homer den Phönix zuAchilles sagen 3 4 ):
„Zähme den heftigen Mut, o Achilleus ! Nicht ja geziemt dirUnbarmherziger Sinn; lenksam sind selber die Götter,
Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr’ und Gewalt sind;Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
Durch Weinguß und Gedüft ein Sterblicher umzulenken,Bittend mit Flehen, wann sich einer versündiget oder gefehlet.“Und ebenso findet sich bei Homer schon das Abrechnenzwischen den Menschen und Göttern, wenn sie vondiesen etwas erreichen wollen. Sie erinnern sie dann an die„Fetten Schenkel verbrannt von Rindern oder von Schafen“*),
*) Ygl. Der rasende Ajax, w. 130—133.
2 ) Siehe z. B. Ilias I, v. 10—13; 43—52.
3 ) Ilias IX, v. 495—501. Ygl. auch I 142, 143; 146, 14?u. a. a. 0.
4 ) Odyssee IV, v. 763. Vgl. auch Ilias I, v. 39—42 u. a. a. 0.