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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Wie schon oben erzählt worden ist, haben dieJuden in Babylon Häuser gebaut und darin gewohnt,Gärten gepflanzt und ihre Früchte genossen; auchHandwerk haben sie getrieben. Aber vor allem habensie sich da zu jenem Handelsvolk zu entwickeln be-gonnen, als welches wir sie in der Wirtschaftsgeschichtevornehmlich kennen. Bei den Babyloniern hatten siehochentwickelte Handelsverhältnisse vorgefunden. Zahl-reiche in den neuerdings veröffentlichten Keilschrift-texten enthaltene Geschäftsurkunden zeigen, daß sichdie exilierten Juden an diesem Handelsleben eifrigbeteiligt haben ^ sowohl als Großhändler als auch inden in Babylonien insbesondere ausgebildeten Geld-geschäften. Nun geht der Großhandel darin auf, einSachvermögen nutzbar zu machen, indem billig gekauftund teuerer verkauft wird, und naturgemäß ist dabeisein Ziel, daß die dabei erzielten Überschüsse möglichstgroß seien. Der Großhandel ist seinem innerstenWesen nach kapitalistisch. Soweit die Juden Groß-handel trieben, wurden sie also notwendig vom kapita-listischen Geiste erfaßt.

Aber noch mehr. Alsbald äußert sich der kapita-listische Geist auch im Gelddarlehen. Gelddarlehenhatte es schon vor dem Exil gegeben, als die Judennoch in Palästina lebten. Aber sie waren, wie bei

jedem Juden zustehenden Rechte, die christliche Lehre undgründeten hier die ersten episkopalen Sitze, von wo peripherischdas Christentum sich weiterverbreitete. Mit wenigen Worten:der phönizisch-palästinische Handel hat demJudentum, nach ihm dem Christentum in heid-nischen Landen die Wege gebahnt. Movers,Die Phönizier II, 3, S. 2, Berlin 1856.

*) Es findet sich in diesen Geschäftsurkunden eine großeAnzahl jüdischer Namen, die zugleich meist in den Büchern Esraund Nehemia Vorkommen.