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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Judentum und Kapitalismus

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allen primitiven Völkern, noch nicht vom kapita-listischen Geiste getragen gewesen. Im LeviticusKap. 23, Vers 36 und 37 wird es ausdrücklich undohne jedwede Einschränkung verboten, heim DarlehenZinsen zu nehmen. Anders dagegen in dem späteren,erst nach dem Exil abgeschlossenen Deuteronomium.Da wird Kap. 23, Vers 20 und 21 das Wucherverbotfür Darlehen unter Israeliten wiederholt, aber derZusatz hinzugefügt:Von dem Ausländer darfst duZinsen nehmen, aber von deinem Volksgenossen darfstdu keine fordern. Der Unterschied zwischen derfrüheren und der späteren Vorschrift ist sehr be-merkenswert.^ Bekanntlich galt ursprünglich derFremde bei allen Völkern als Feind. Während fürdie Beziehungen unter Volksgenossen Autorität undHerkommen maßgebend waren, war demgemäß demFremden gegenüber auch im friedlichen Verkehr dieWahrung jedweden Vorteils gestattet. Aber bei denübrigen Völkern ist mit fortschreitender Kultur dieserUnterschied geschwunden; bei den Juden tritt er unsin der Diaspora erst recht entgegen. Die scharfe Ab-sonderung von allen Völkern, wie sie dasGesetzstatuiert hat, ist also auch auf das wirtschaftlicheGebiet übertragen worden. Nicht nur im Großhandel,auch im Darlehen wird der Jude nunmehr vom kapita-listischen Geiste beherrscht. Das ist so sehr der Fall,daß nach der Rückkehr aus dem Exil die Adeligenauch ihre dürftigen Volksgenossen auszuwuchern be-ginnen. Doch zeigt das entrüstete Einschreiten desNehemia 1 ) das Anormale dieses Vorgangs. Wo immerjüdische Volksgenossen bewuchert wurden, geschah esgegen dasGesetz, das für die Juden alles war.Anders steht es mit der Bewucherung der Fremden,

*) Nehemia 5, 1 ff.