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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Fremden gegenüber galt für sie als leitendes Prinzipdas Streben nach dem größtmöglichsten Gewinn. Auchdie Juden haben ihre mit der Entstehung desJuden-tums eingetretene feindliche Haltung gegen die Anders-gläubigen auch auf das wirtschaftliche Gebiet über-tragen ; und wenn schon die hochmütige Verachtung,mit der das auserlesene Volk auf die übrigen Völkerherabsah, den Judenhaß hervorgerufen hat, so konnteihre nationale Exklusivität, als sie zur Ausbeutungder übrigen Völker führte, diesen nur steigern. BeideMomente dürften hei der Hervorrufung der Juden-verfolgungen in der Diaspora zusammengewirkt haben,von denen die Quellen aus der Zeit lange vor Christusberichten 1 ). Beide haben auf die weitere Entwicklungdes Völkerlebens während Jahrtausenden die tief-greifendsten Wirkungen ausgeübt.

Ich kann darauf hier nicht eingehen, denn es istnicht meine Absicht, eine Wirtschaftsgeschichte derJuden, seit sie Untertanen der Römer geworden, zuschreiben. Nur eine Vermutung möchte ich noch aus-zusprechen wagen in Anknüpfung an die eben berührteTatsache, daß die Juden bis in die neueste Zeit in-mitten der Völker, unter denen sie sich niedergelassenhatten, als Fremde geweilt haben. Die Römer pflegtenzur Kaiserzeit die Götter der ihrem Reiche einverleibtenVölker in ihr Pantheon aufzunehmen. Nach der Unter-werfung der Juden hätte also eigentlich auch Jahvedarin Aufnahme finden sollen 2 ). Damit wäre er ro-manisiert worden. Aber das war bei Jahve ausgeschlossen.Er war ein eifersüchtiger Gott, der Alleinigkeit be-anspruchte ; er vertrug sich nicht mit den anderen

*) Vgl. Eduard M e y e r a. a. 0. S. 217; ferner in Seleukiavgl. M o m m s e n a. a. S. 546.

s ) Vgl. Jean J u s t e r a. a. 0. I, 246.