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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

zu begeisterter Hingabe an andere hingerissen; dieWüste ist von je eine bevorzugte Zone der Religions-stifter gewesen.Der feurige Elia zog sich in dieWüste zurück 1 ); der Täufer wieder predigte in derJordanswüste in Beduinentracht, nämlich in einem Ge-wand aus Kamelhaaren, und ernährte sich von Heu-schrecken und wildem Honig. Und der Stifter derReligion, die, der Mysterien voll, mehr wie jede andereden Sinn der Menschen für die Anerkennung Gottesin den Erscheinungen der Sinnenwelt erschlossen hatman denke nur an Franziskus von Assisi, Jesusvon Nazareth , hat sich in der Wüste vierzig Tageund vierzig Nächte für seine Laufbahn vorbereitet.

Was ist es ferner für eine wissenschaftlich un-würdige Effekthascherei, wenn Sombart das städtischeLeben, in welches die Juden infolge ihrer Fortführungnach Babylon versetzt worden seien, als Fortsetzungdes Lebens in der Wüste hinstellt! Es wird damitder Einfluß der Wüste auf Denken und Empfinden demder Stadt gleichgestellt. Beide sind aber einandervöllig entgegengesetzt, und die Kinder der Wüsteempfinden den Gegensatz zur Stadt ganz in der gleichenWeise wie die germanischen Anwohner von Wald,Sumpf und Feld 2 ). Zum Beleg hierfür sei mir ge-stattet, die Strophen hierher zu setzen, in denen Abdel Kader diese Empfindungen in einer Weise zumAusdruck gebracht hat, welche gleichzeitig SombartsSatz, die Wüste sei der Sitz des abstrakten Denkensstatt des konkreten Empfindens, aufs bündigste wider-legt. Sie lauten:

*) Ebenda a. a. 0. S. 334, 335.

2 )Der Beduine, der Getrocknetes ißt, bat einen Abscheu,in Städten zu wohnen, wo die Gewohnheit, sich von frischen Ge-müsen zu ernähren, ihm unerträglich ist. Huart, Geschichteder Araber, Leipzig 1919, I 37.