Judentum und Kapitalismus
487
„0 du, der begeistert preist den Aufenthalt inden Städten und das Leben des Nomaden in der Wüsteschmäht, tadle nicht die Zelte ob ihrer Gebrechlich-keit, lobe nicht die Häuser aus Stein und Lehm ge-baut.
„Hättest du einmal in der Frühe auf einem Hügelder Sahara gestanden, unter dir Sand, schimmerndwie Perlen, oder wärest du gewandelt auf dem Teppichder Oase, bunt leuchtend von Blumen und voll be-rauschenden Dufts, so hätte deine Seele Kraft getrunkenin ihrem Hauch.
„Hättest du einmal am Morgen, nach reichlichenRegenschauern, von einer Höhe über die Ebene hin-geblickt, so würdest du die Antilopen gesehen haben,wie sie von allen Seiten gleich Traumerscheinungenauftauchen und schwinden und die würzigsten Kräuterabweiden.
„Süße Ruhe! Das Herz, in das du eingezogen,kennt kein Leid mehr; von Trauer überflutet, kenntes keine Sorgen“.
Das sind aber nicht etwa Empfindungen eines durchharte Schicksalsschläge lebensmüde Gewordenen; eskommt in diesem Gedichte die Denkweise aller Wüsten-bewohner zum Ausdruck. In demselben Buche, demich es entnommen habe, finde ich die folgende Be-schreibung x ) der Geistesbeschaffenheit der Bevölkerungeines arabischen Dorfes im französischen Nordafrika :
„Wir haben da die Nachkommen des phantasie-reichsten Volkes, das die Erde getragen, vor Augen:ihre Tracht, ihre Sprache, ihre Sitten, nichts hat sichseit den Tagen der Kalifen geändert, und, glaubt mir,auch ihre Intelligenz ist nicht etwa verschwunden wie