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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
Entstehung
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Fürst Lichnowsky war Botschafter in London , als der Krieg ausbrach. Er war also wedei cbei den Vorgängen in Berlin noch in Wien , die er in seiner Denkschrift so lebhafter Kritik unterzieht,persönlich beteiligt, drlebte vielmehr die entscheidenden Tage an dem Platze, an dem die englischeamtliche Politik vielleicht am vorsichtigsten stets alle Möglichkeiten nach außen hin offen gehaltenhat. ohne sich dadurch in der Energie der Verfolgung ihrer wirklichen Pläne beeinträchtigen zulassen. Diese Pläne waren festgelegt in der berühmten Gleichgewichtspolitik, für die die Einkreisungs-tendenzen nnr eine neue Aeußerung bildeten. Wenn Fürst Liclinowsky dann in seiner Broschüre dieOffenhaltung der Möglichkeiten zur Grundlage seiner Schlüsse gemacht hat, so heißt das eben, daßer die Form mit dem Inhalt verwechselte.

Das ist die eine Quelle seiner Irrtümer. Eine andere erschließt sich darin, daß erseinerseits die Dinge vom Standpunkt eines politischen Programms aus ansah, also sein Urteil nichtauf Tatsachen stützte, sondern von Wünschen bestimmen ließ, die er selbst hegte. Vor allem schober die Tatsache unseres Bundnisverhältnisses zu Oesterreich-Ungarn einfach beiseite und setzte anihre Stelle ein Programm, in dem ein enges Verhältnis zu Rußland mit an erster Stelle steht. Dabeiging er aber offenbar von der Voraussetzung aus, es habe nur von Deutschland abgehangen, daßdieses enge Verhältnis nicht bestand. Die Geschichte lehrt allerdings gerade das Gegenteil. DieGestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland war keineswegs durch unsereBündnispolitik mit Oesterreich-Ungarn verursacht worden. Vielmehr war diese eine Folge derGortschakoffschen Neigungen zu Frankreich , wie das geschichtlich längst feststeht und auch demFürsten bekannt sein sollte.

Das sind die grundsätzlichen Irrtümer. Es ist klar, daß sie als Voraussetzungen der Lich -nowskyschen Ausführungen eine Fülle unrichtiger Darstellungen im einzelnen zur Folgegehabt haben.

Fürst Lichnowsky meint das ist der sachliche Kern seinerEnthüllungen Deutschland hätte die alten Sicherungen aufgeben und sich mit gläubigem Vertrauen auf den guten Willen Eng-lands verlassen sollen.. Die Enthüllungen, die im Verlaufe des Weltkrieges aus den Geheimarchivender Entente zutage gefördert worden sind, haben erwiesen, wie dieser gute Wille Englands undseiner Verbündeten aussah. So bedeuten sie nicht nur eine Rechtfertigung Deutschlands und seinerVerbündeten für die Frage der Schuld am Kriege, sondern auch das letzte Glied in der Kette derBeweise für die Gewißheit, daß die Politik Deutschlands vor dem Kriege nur den Faktoren Rechnunggetragen hat, die damals noch verhüllt, aber deutlich genug auf unsere Isolierung hindrängten.

Den Irrtümern des Fürsten Lichnowsky hat der frühere Staatssekretär des. AuswärtigenAmtes Staatsminister a. D. von Jagow das Gewicht der Tatsachen in einer längeren Handlunggegenübergestellt, die wir im folgenden Punkt für Punkt zusammen mit den fälschen AusführungenLichnowskys veröffentlichen.

Sir Edward Greys Programm

Staatsminister a. D. von Jagow:

Fürst lichnowsky :

Als ich im Januar 1913 zum Staatssekretär ernannt wurde,'erachtete ich eine deutsch -englische Annäherung für erwünschtund eine Verständigung über die Punkte, wo unsere Inter-essen sich berührten bezw. kreuzten, auch für erreichbar. Ichwollte jedenfalls versuchen, in diesem Sinne zu wirken. EinHauptpunkt für uns war die mesopotamisch-kleinasiatischeFrage die sogenannte Bagdadpolitik, da sie zu einerPrestigefrage für uns geworden war. Wollte uns England dort herausdrängen, so erschien mir ein Konflikt allerdingsschwer vermeidlich. Ich habe in Berlin , sobald es mir mög-lich war, die Verständigung über die Bagdadbahn in Angriffgenommen. Wir fanden Entgegenkommen bei der englischen

Sir Edward Grey hatte den Gedanken, mit uns zu einerVerständigung zu gelangen, nicht auf gegeben, und versuchtees zunächst auf kolonialen und wirtschaftlichen Gebieten.Durch Vermittlung des befähigten und geschäftskundigen Bot-schaftsrats von Kühlmann waren Besprechungen über eine Er-neuerung des portugiesischen Kolonialvertrages und überMesopotamien (Bagdadbahn ) im Gange, die das unausge-sprochene Ziel verfolgten, sowohl die genannten Kolonien, wieKleinasien in Interessensphären zu teilen. Der britischeStaatsmann wollte, nachdem sowohl mit Frankreich wie mitRussland alle Streitfragen geregelt waren, auch mit uns zuähnlichen Abmachungen gelangen. Nicht uns zu vereinsamen,