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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
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linowprozesses wird dem Fürsten Lichnowsky jetzt wohl selbstdas Gefühl gegeben haben: Oh si tacuissis! Am 5. Juli warich von Berlin abwesend. Die Angabe, dass ichbald daraufin Wien gewesen sei,um mit Graf Berchtold alles zu be-sprochen, ist falsch. Ich kam am <1. Juli von meiner Hoch-zeitsreise nach Berlin zurück und habe mich von dort biszum 15. August, dem Aufbruch des Grossen Hauptquartiers,nicht gerührt. Ich bin als Staatssekretär vor dem Kriege nureinmal, im Frühjahr 1913, in Wien gewesen.

Englische Kriegserklärung.

SfaatHiuinistcr a. D. von Jagow:

Ueber die verwirrende Depesche, die Fürst Lichnowsky am 1. August sandto, ich habe den Wortlaut nicht gegen-wärtig gleitet er alsMissverständnis hinweg und scheintums noch einen Vorwurf daraus machen zu wollen, dass die..Nachricht in Berlin, ohne erst die Unterredung abzuwarten,zur Grundlago einer weitgehenden Aktion gemacht sei. DasSchicksal des Krieges mit England hing an Minuten, gleichnach Eingang der Depesche wurde der Entschluss gefasst,dass noch in elfter Stundo ein Schritt zur Abwendung desKrieges mit Frankreich und England versucht werde. SeineMajestät sandte das bekannte Telegramm an König Georg. DerInhalt der Lichnowskyschen Depesche konnte gar nicht andersaufgefasst werden, als wir es taten.

Sachlich bietet die Darstellung des Fürsten Lichnowskyeine solche Fülle von Unrichtigkeiten und Verdrehungen, dasses kaum Wunder nimmt, wenn seine Konklusionen auch gänz-lich verfehlte sind. Geradezu grotesk wirkt der Vorwurf, dasswir am 30. Juli auf die blosse Mobilmachung Kusslands hinein Ultimatum nach Petersburg geschickt und am 31. Juliden Küssen den Krieg erklärt haben, obwohl der Zar sein Wortverpfändete, solange noch unterhandelt wird, keinen Mannmarschieren zu lassen, und damit die Möglichkeit einer fried-lichen Beilegung geflissentlich vernichtet hätten. Zum Schlussscheint er sich fast mit dem Standpunkt unserer Feinde zuidentifizieren.

Wenn der Botschafter unsere Politik der Identifizierungmit Türken und Austromägyaren, derUnterordnung unterWiener und Pester Gesichtspunkte beschuldigt, so kann manihm füglich entgegnen, dass e r die Dinge nur durch dieLondoner Brille und ausschliesslich unter dem Gesichts-winkel der von ihm erstrebten Annäherung an England ä toutPrix gesehen hat. Er scheint auch ganz vergessen zu haben,dass die Entente sich vielmehr gegen uns, als gegen Oester-reich geschlossen hat.

Auch Ich habe eine Politik verfolgt, die auf eine Ver-ständigung mit England hinzielte, weil ich der Ansicht war,dass nur auf diesem Wege aus der imgünstigen Lage heraus-rukommen war, in die uns die ungleiche Kräfteverteilung unddie Schwäche des Dreibundes brachte. Aber Kussland undFrankreich drängten zum Kriege. Wir waren durch unserenVertrag mit Oesterreich verpflichtet und in unserer Gross-machtstellung mitbedroht hie Rhodus, hic salta. England aber, das nicht in der gleichen Weise mit Russland verbundenwar, das hinsichtlich der Schonung Frankreichs und Belgiens weitgehende Zusicherungen von uns erhalten hatte, griff zumSchwert.

Ich will mir damit keineswegs die heute bei uns weitver-breitete Ansicht zu eigen machen, dass England alle Minen zum

Fürst Fieliiiowslty:

Noch immer sann Sir Edward Grey nach neuen Auskünften.Am 1. August vormittags kam Sir W. Tyrrell zu mir, um mirzu sagen, sein Chef hoffe noch immer einen Ausweg zu finden.Ob wir neutral bleiben wollten, falls Frankreich es auch täte?Ich verstand, dass wir dann bereit sein sollten, Frankreich zuschonen, er aber hatte gemeint, dass wir überhaupt, alsoauch gegen England , neutral bleiben. Das war das bekannteMissverständnis. Es war also überhaupt kein Vorschlag, son-dern eine Anfrage ohne Verbindlichkeit, da, wie ich früherschon gemeldet, bald darauf unsere Besprechung stattfindensollte. Die Nachricht wurde aber in Berlin ohn-o erst die Unter-redung abzuwarten, zur Grundlage einer weitgehenden Aktiongemacht.

Als endlich Graf Berchthold, der bis dahin auf BerlinerWeisungen den starken Mann spielte, sich zum Einlenken ent-schloss, beantworteten wir die russische Mobilmachung, nach-dem Kussland eine ganze Woche vergeblich unterhandelt undgewartet hatte, mit dem Ultimatum und der Kriegserklärung.

Ich hatte den Widerstand gegen die wahnsinnige Drei-bundpolitik aufgegeben, da ich einsah, dass er zwecklos war,und dass man meine Warnungen als Austrophobie, als fixeIdee hinstelite. In der Politik, die nicht Akrobatentum oderAktiensport ist, sondern das Geschäft der Firma, gibt es keinephilie oderphobie , sondern nur das Interesse des Gemein-wesens. Eine Politik aber, die sich bloss auf Oesterreicher ,Magyaren und Türken stützt, muss im Gegensatz zu Russland geraten, und schliesslich zur Katastrophe führen.