Druckschrift 
Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

Die Den Wift Lichnouskys vor dem Houtitoimchtiß.

Am 16. März fand im Hauptausschuss desReichstages eine Sitzung statt, die sich mit zwei in letzterZeit auffällig in Deutschland verbreiteten Schriftstücken be-fasste, welche gegen die Politik der Regierung kurz vor Aus-bruch des Krieges gerichtet seien. Bei Eröffnung der Dis-kussion führte der Stellvertreter des'Reichskanzlers Exzellenzv o n P a y e r folgendes aus:

Es handele sich in erster Linie um eine Denkschrift desPürsten Liehnowsky vom 11. August 1916, der von 1912, bis 11das Deutsche Reich in London vertreten habe. Sie sei datiertvom 1. August 1916 und beziehe sich auf unsere Auslands-Politik seit, der Zeit des Fürsten Bismarck, die der Fürst imZusammenhang mit einer Schilderung seiner Londoner Tätig-keit nicdergeschrieben habe. Ueber ihre Entstehung" und Ver-öffentlichung habe er sich selbst am 5. d. M. dem Herrn Reichs-kanzler gegenüber folgendennassen geiiussert:

,.Euerer Exzellenz

ist es bekannt, dass rein private Aufzeichnungen, die ich imSommer 1916 niederschrieb. durch einen unerhörten Ver-trauensbruch den Weg in weitere Kreise gefunden haben.

Zur Erläuterung der Angelegenheit, darf ich nachstehen-des berichten:

Es handelt " sich im wesentlichen um subjektive. Be-trachtungen über unsere gesamte Auslandspolitik seit demBerliner Kongresse. Ich erblickte in der seitherigen Abkehrvon Russland- und in der Ausdehnung der Biindnispolitik auforientalische Fragen die eigentlichen "Wurzeln des Welt-krieges. Daran anschliessend unterzog ich auch unsereMarokko- und Flottenpolitik einer kurzen Beleuchtung.

Meine Londoner Mission konnte, hierbei naturgemäss umso weniger unberücksichtigt bleiben, als ich das Bedürfnisempfand, der Zukunft gegenüber und zu meiner eigenenRechtfertigung die Einzelheiten meiner dortigen Erlebnisseund Eindrücke zu notieren, che sie meiner Erinnerung ent-schwanden.

Diese gewissermassen nur für das Familienarchiv be-stimmten Aufzeichnungen, die ich ohne Aktenmaterial oderNotizen aus der Zeit meiner amtlichen Tätigkeit aus demGedächtnisse niederschrieb, glaubte ich einigen ganz wenigenpolitischen Freunden, zu deren Urteil ich das gleiche Ver-trauen besnss wie zu ihrer Zuverlässigkeit-, gegen die Zu-sicherung unbedingter Verschwiegenheit zeigen zu können.

Leider hat einer dieser Herren ohne mein Wissen einemin der politischen Abteilung des Generalstabcs angestelltenund mir unbekannten Offizier, der sich für die einschlägigenFragen lebhaft interessierte, meine Schrift zu lesen gegeben.

In völliger Verkennung der Tragweite seines Schrittes hatletzterer die Schrift vervielfältigt und an eine Reihe mirmeist, unbekannter Persönlichkeiten verschickt.

Als ich den Unfug erfuhr, war es leider schon zu spät,um alle ausgegebenen Exemplare restlos einziehen zukönnen. Ich habe mich dem damaligen Reichskanzler, HerrnDr. Michaelis, daraufhin zur Verfügung gestellt und ihmmein tiefstes Bedauern über die ganze peinliche Angelegen-heit zu erkennen gegeben. In steter Fühlung mit demAuswärtigen Amt bin ich seither bestrebt gewesen, derweiteren Verbreitung meiner Betrachtungen möglichst ent-gegenzuwirken, leider ohno den gewünschten Erfolg.

Euere Exzellenz wollen mir gestatten, mein bereitsmündlich vorgebraehtes lebhaftes Bedauern über , den höchstärgerlichen Vorfall noch in dieser Form zu erneuern.

In aufrichtiger Verehrung

Euerer Exzellenz

ganz gehorsamer

gcz. Lichncwsky.

Sr. Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen vonTIertling.

Mittlerweile habe der Fürst sein Abschiedsgesuch einge-reicht und bewilligt erhalten, und da ihm zweifellos keine böseAbsicht Vorgelegen habe, sondern es sich mehr um eine Unvor-sichtigkeit gehandelt habe, habe man davon abgesehen, weitergegen den Fürsten vorzugehen. Wohl aber müsse gegeneinzelne seiner Darstellungen und Behauptungen auch imHauptausschuss Widerspruch erfolgen. Das gelte namentlichvon den Behauptungen über die politischen Vorgänge in denletzten Monaten vor Ausbruch des Krieges. Diese Vorgängeseien dem Fürsten aus eigener Wissenschaft, nicht bekannt.Es seien ihm anscheinend von dritter, falsch unterrichteterSeite unzutreffende Informationen zugegangeu, welche Mög-lichkeit der Fürst auch selbst zugegeben habe.

Als Schlüssel für die frrtiimer und die Fehlschlüsse derDenkschrift sei vielleicht auch noch die auffällige Uober-scliätzung der eigenen Verdienste durch den Fürsten heran-zuziehen, die von einem förmlichen Hass gegen diejenigenbegleitet sei, die seine Leistungen nicht so anerkennen, wieer es erwarte. An mehr als einer Stolle deute er au, dassfür diese in erster Linie für ihre Entscheidung nicht sachlicheErwägungen massgebend gewesen seien, sondern die Frage, obihre Stellungnahme ihm nützen oder schaden, angenehm oderunangenehm sein könnte. Uoboreinst.immend mit diesem Zugeziehe sieh durch die ganze Denkschrift hindurch eine auf-fällige Verehrung für die fremden Diplomaten, namentlich die