versuche an Russland scheiterten — Björkiö beweist es — oderblieben ineffektiv, wie das sogenannte Potsdamer Abkommen.Unser „bester Nachbar“ war Russland auch nicht immer. Unterder Kaiserin Elisabeth, wie jetzt, strebte es nach dem Besitzvon Ostpreussen zur Ausdehnung seiner baltischen Küstenund um sich die Vorherrschaft in der Ostsee zu sichern. DasPetersburger „Fenster“ hat sich allmählich um Est- und Liv-land, Kurland und Finnland erweitert und nach Aland über-gegriffen. Polen wurde zum Aufmarschgebiet gegen uns lier-gerichtet. Der Panslavismus, der immer mehr die russischePolitik beherrschte, hatte direkt antideutsche Tendenzen.
Wir haben auch Russland nicht „von der asiatischen Aus-breitungspolitik“ abgedrängt, sondern nur seinen Uebergriffenin die europäische, seiner Umklammerung unseres österrei-chisch-ungarischen Bundesgenossen zu wehren gesucht.
Botschafter konferenz.
Staatsminister a. I>. von Jagon:
Ebensowenig wie Sir E. Grey haben wir gewollt, dass cswegen Albaniens zum Kriege käme. Darum haben wir, trotzschlechter Erfahrungen in Algeciras , in eine Konferenz ge-willigt. Das Verdienst einer „vermittelnden Haltung“ auf derKonferenz soll Sir E. Grey nicht abgesprochen werden; dasser „sich keineswegs auf Seite der Entente stellte“, ist dennaber doch wohl etwas viel gesagt. . Er hat gewiss öfters inPetersburg (wie wir in Wien ) zum Nachgeben geraten und..Einigungsformeln“ gefunden, nach aussen hin aber vertrater die Entente, da er ebensowenig wie wir seine Sozien imStich lassen wollte, noch' konnte. Dass wir andererseits „ohneAusnahme den Standpunkt vertreten“ hätten, „der uns vonWien vor geschrieben wurde,“ ist absolut unrichtig. Wirhaben, wie England, eine ■ ansgleichende Rolle gespielt' undauch in Wien weit mehr zur Nachgiebigkeit und Mässigung ge-raten,, als Fürst Liclinowsky zu wissen scheint oder'vergibt.Wien hat denn auch. verschiedentlich weitgehende Kon-zessionen gemacht (Dibrä, Djakowä). Wenn. Fürst Liclinowky,der immer klüger sein wollte als das Auswärtige Amt, undder sich von Ententevertrotern offenbar stark beeindruckenliess,. dies nicht gewusst hat, so'soll er doch jetzt'keine fal-schen Behauptungen aufstcllen! Wenn freilich' das Mass desNachgebens, das erforderlich war, in Wien erreicht war, somussten wir auf der Konferenz auch selbstverständlich denösterreichischen Standpunkt vertreten. Der Botschafter Szö-gyeni gehörte selbst nicht zu den Extremen; in Wien warman mit seiner Haltung keineswegs immer zufrieden. Dass derBotschafter, mit dem ich beinahe täglich verhandelte, fortge-setzt den Refrain des casus foederis spielen Hess, ist mir gänz-lich unbekannt. Richtig ist allerdings, dass Fürst Lichnowsky in Wien schon von früher her nicht als Freund Oesterreichs galt. Doch sind mir Klagen über ihn mehr von seiten desMarquis San Giuliano, als von seiten des Grafen Berchtold zu Ohren gekommen.
König Nikitas Besitznahme von Skutari war ein Hohn aufdio gesamte Konferenz und eine Brüskierung aller dort be-schliessenden Mächte.
Russland hat keineswegs „überall vor uns zuriickweickeifmüssen, es hat im Gegenteil verschiedentlich „den serbischenWünschen Erfolg“ verschafft, sogar einige Städte und Land-striche, die als rein oder vorwiegend albanisch gelten konnten,wurden Serbien zugeteilt. Fürst Liclinowsky sagt, dass „derVerlauf der Konferenz eine neue Demütigung für das russische
Fürst läclinowsky:
Der britische Staatsmann nahm von Anfang an dio Haltungein, dass England an Albanien kein Interesse habe, wogendieser Dinge also nicht gewillt war, cs auf einen Krieg an-kommen zu lassen. Er wollte als „ehrlicher Makler“ lediglichzwischen den beiden Gruppen vermitteln und Schwierig-keiten beilegen. Er stellte sich daher keineswegs auf die Seiteder Ententegenossen und hat während der Dauer der achtmona-tigen Unterhandlungen durch guten Willen und durch seinenmassgebenden Einfluss nicht unwesentlich zur Einigung beige-tragen. — Statt dass wir eine der englischen analoge Haltungeinuahmen, vertraten wir ohne Ausnahmo den Standpunkt, deruns von Wien aus vorgeschrieben war.
Sir Edward Grey leitete die Verhandlungen mit Umsicht,Ruhe und Takt. Wenn eine Frage sich zu verwickeln drohte,entwarf er eine Einigungsformel, dio das Richtige traf undauch stets Annahme fand.
Russland hatte überall vor uns zuriiekweiehen müssen,da cs niemals in der Lage war, den serbischen Wünschen Er-folg zu verschaffen'. Albanien war als österreichischerVasallenstaat errichtet und Serbien vorn Meere verdrängt. DerVerlauf der Konferenz war daher eine neue Demütigung fürdas russische Selbstbewusstsein.
Ich sagte ihm, dem Grafen Mensdorff, später einmal: „DieStimmung in Russland ist wohl sehr anti-deutsch^“ Er ent-gegnete: „Es gibt aber auch sehr starke und einflussreichepro-deutsche Kreise. Man ist aber allgemein anti - öster-reichisch, — sehr anti-österreichisch! Es erübrigt sich, liinzu-zufügen, dass unsere Austrophilio ä outrancc nicht gerade ge-eignet war, die Entente zu lockern und Russland seinen asia-tischen Interessen zuzuführen.