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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
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Regierung, das Ergebnis war das boi Ausbruch des Welt-krieges beinahe fertiggestcllte Abkommen.

Gleichzeitig liefen, die Verhandlungen über die portugie-sichen Kolonien, die von Graf Metternich eingeleitet, von BaronMarschall fortgeführt und von Fürst Lichnowsky wieder auf-genommen waren. Weitere Verständigungen über andere, z. B.ostasiatisehe Fragen, dachte ich später anzuschneiden, wenndie nach meiner Ansicht wichtigste Frage, die der Bagdadbahn ,erst geregelt und damit ein vertrauensvolleres Ambiente ge-schaffen wäre. Die Flottenfrage habe ich auch beiseite ge-lassen, da eine Verständigung hierüber nach den gemachtenErfahrungen zunächst doch schwierig gewesen wäre.

sondern uns möglichst zu Teilnehmern an der bestehenden Ge-nossenschaft zu machen, war seine Absicht. Wie es gelang,britisch-französische und britisch-russische Gegensätze zuüberbrücken, so wollte er auch die britisch-deutschen möglichstbeseitigen und durch ein Netz von Verträgen, zu denenschliesslich wohl auch eine Vereinbarung über die lästigeFlottenfrage gehört hätte, den Weltfrieden sichern, nachdemunsere frühere Politik zu einer Genossenschaft der Entente ge-führt hatte, die eine gegenseitige Versicheriuig über Kriegs-gefahr darstellte.

Die albanische Frage.

»SfaatsniiniHtcr a. 1). von Jugow:

Die Aufrollung der Albanischen Frage kann ichübergehen, da sie vor meinem Amtsantritt geschehen war.Allgemein möchte ich jedoch bemerken, dass ein so weit-gehendes Desinteressement in Balkanfragen, wie Fürst Lich-nowsky es befürwortet, mir nicht möglich erscheint. Es'hättedem Wesen des Bündnisses widersprochen, wenn wir wirklichvitale Interessen unserer Bundesgenossen völlig ignorierthätten. Auch wir hatten in Algeciras von Oesterreich Sekun-dantendienste verlangt, und die Haltung Italiens hatte damalsernste Verstimmung bei un3 erregt. Russland, obwohl es garkein Interesse an Marokko hat, stand auch an der Seite Frank-reichs. Schliesslich war es unsere Aufgabe, als Dritte imBunde diejenigen Massnahmen zu unterstiitzeji, die einen Aus-gleich divergierender Interessen unserer Bundesgenossen er-möglichen und einen Konflikt zwischen denselben vermeidenkonnten.

Es erschien mir ferner unmöglich, in Gebieten, wo dieInteressen der Bündnismächte sich berühren, keineDreibund-politik zu treiben. Italien wäre dann in Orientfragen völligin das Ententefahrwasser getrieben und Oesterreich Russlandausgeliefert worden, der Dreibund wäre tatsächlich damit hin-fällig gewesen. Und auch wir hätten, ohne jede Unterstützungunsere Interessen im Orient nicht wahrnehmen können. Dasswir aber grosse wirtschaftliche Interessen daselbst zu ver-treten hatten, leugnet auch Fürst Lichnowsky nicht. Wirt-schaftliche Interessen sind aber heutzutage von politischennicht mehr zu trennen.

Dass manin Petrograd die Unabhängigkeit des Sultanswollte, ist eine Behauptung, für die Fürst Lichnowsky wohlden Beweis schuldig bleiben dürfte; es würde aller Traditionder russischen Politik widersprochen. Wenn wir ferner nichtüber den von Baron Marschall begründeten Einfluss in Kon-stantinopel geboten hätten, wäre es uns kaum möglich ge-wesen. unsere wirtschaftlichen Interessen in der Türkei in demvon uns gewünschten Sinne zu wahren.

Wenn Fürst Lichnowsky ferner behauptet, wir hättenKusslandunseren naturgemiissen Freund und besten Nach-barn erstdurch die Orient- und Balkanpolitik in die ArmeFrankreichs und Englands gedrängt, so widerspricht das dengeschichtlichen Tatsachen. Erst dadurch, dass Fürst Gortscha-koff die russische Politik nach dem revanchelüsternen Frank-reich orientierte, ist Fürst Bismarck veranlasst worden, dasBündnis mit Oesterreich-Ungarn einzugehen; durch das Bündnismit Rumänien hat er einen Riegel vor das Vordringen Russlands nach Süden geschoben. Fürst Lichnowsky verurteilt dieGrundzüge der Bismarcksehen Politik. Unsere Anniiherungs-

JFiirMt Lichnowsky:

Nachdem die Türkei in Europa nicht mehr zu retten war,gab es zwei Möglichkeiten gegenüber der Regelung ihrerHinterlassenschaft: Entweder wir erklärten unser völligesDesinteressement an der Gestaltung der Grenzen auf demBalkan und überliessen die Regelung den Balkanvölkern, oderaber wir unterstützten unsereBundesgenossen, trieben Drei-bundpolitik im Orient und traten dadurch aus der Rolle desVermittlers heraus. Ich befürwortete von Anfang an dieerstere Lösung das Auswärtige Amt aber vertrat um s.entschiedener die letztere. Der springende Punkt war diealbanische Frage. UnsereBundesgenossen wünschten dieG'ründung eines selbständigen Staates Albanien, da Oester-reich die Serben nicht an die Adria und Italien die Griechennicht nach Valona, ja nicht einmal nördlich von Korfu ge-langen lassen wollten. Im Gegensatz hierzu förderte Russ-land bekanntlich dio serbischen und Frankreich die griechi-schen Wünsche.

Statt uns mit Russland auf Grundlage der Unabhängigkeitdes Sultans, den man auch in Petrograd nicht aus Konstan-tinopel entfernen wollte, zu einigen, und uns unter Verzichtauf militärische oder politische Eingriffe auf wirtschaftlicheInteressen im Orient zu beschränken und uns mit der Zer-legung Kleinasiens in Interessenphären zu begnügen, gingunser politischer Ehrgeiz dahin, am Bosporus zu dominieren.In Russland entstand die Meinung, der Weg nach Konstan-tinopel bozw. ins Mittelmeer ginge über Berlin. Statt diekräftige Entwickelung der Balkanstaaten zu fördern, dieeimnal befreit alles andere eher sind als russisch, und mitdenen wir dio besten Erfahrungen machten, stellten wir unsauf die Seite der türkischen und magyarischen Unterdrückung.Der verhängnisvolle Irrtum unserer Dreibund- und Orient-politik, die unseren naturgemäßen Freund und besten Nach-barn, Russland, in die Arme Frankreichs und Englands ge-drängt und von der asiatischen Ausbreitungspolitik abgedrängthatte, war um so augenfälliger, als ein russisch- französischerUeberfall, die einzige Hypothese, die eine Dreibundpolitikrechtfertigte, aus unserer Rechnung ausscheiden konnte.