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Kolonial
Staatsminister a. D. von Jagow:
Wenn Fürst Lichnowsky sich rühmt, dass es ihm gelungensei, dem Vertrag eine unseren Wünschen entsprechende Formzu geben, so soll ihm dies Verdienst nicht genommen werden,os bedurfte allerdings verschiedentlich starken Druckes, umihn zu bewegen, einzelne unserer Wünsche mit mehr Nachdruckzu vertreten.
Wenn Fürst Lichnowsky sagt, dass er die Ermächtigungzum endgültigen Abschluss des Vertrages erhalten habe, nach-dem er vorher behauptet, „der Vertrag war somit gefallen“,so enthält das einen Widerspruch, dessen Erläuterung demFürsten überlassen werden kann. Lichnowskys Behauptungaber, dass wir die Veröffentlichung hinausgezogen hätten, weilder Vertrag für ihn „ein öffentlicher Erfolg“ gewesen wäre,den wir ihm nicht gegönnt hätten, ist eine unerhörte In-sinuation, die sich nur aus seiner egozentrischen Auffassungder Dinge erklären lässt. Der Vertrag hätte seine praktischeund moralische Wirkung verfehlt — einer seiner Hauptzweckewar, eine gute Atmosphäre zwischen uns und England zuschaffen — wenn seine Veröffentlichung von heftigen An-griffen gegen das „perfide Albion“ in unserer anglophobenPresse und in unserem Parlament begrüsst worden wäre.Hierzu hätte aber bei unserer damaligen inneren Lage diegleichzeitige Bekanntgabe des sogenannten Windsor-Vertragesunzweifelhaft Anlass gegeben. Und das Geschrei über eng-lische Heimtückischkeit, das der innere Widerspruch zwischendem Wortlaut des Windsor- und unserem Vertrage zweifelloshervorgerufen hätte, hätte sich vor unserer öffentlichenMeinung durch die Versicherung englischer bona fides schwer-lich entkräften lassen. In berechtigter Vorsicht beabsichtigtenwir die Veröffentlichung erst in einem geeigneten Moment ein-treten zu lassen, wo die Gefahr abfälliger Kritik nicht mehrso akut war, wenn möglich, gleichzeitig mit der Bekanntgabedes Bagdad -Vertrages, der auch kurz vor dem Abschluss stand.Die Tatsache, dass zwischen England und uns zwei grosseAgreements zustande gekommen wären, hätte die Aufnahmewesentlich begünstigt und auch über den Schönheitsfehler desportugiesischen Abkommens leichter hinweggeholfen. Es warRücksicht auf den Effekt des Abkommens, mit dem wir eineBesserung unserer Beziehungen zu England, aber keine neueTrübung zu erzielen wünschten, welches unser Zögern ver-ursachte. 1 . 1 ' "■ ] j 8 ^
Richtig ist, dass — wenn auch in zweiter Linie — auchRücksicht auf die gerade damals erstrebte Erwerbung vonwirtschaftlichen Interessen in den portugiesischen Kolonien mit-sprachen, welche bei Bekanntwerden des Abkommens natürlichschwerer zu verwirklichen gewesen wären. Diese Bedingungenmag Fürst Lichnowsky von London aus nicht voll zu über-sehen in der Lage gewesen sein, er hätte aber unserem sach-lichen Urteil vertrauen und sich dabei bescheiden müssen, stattseinen Mangel an Verständnis durch Verdächtigungen undUnterschiebung persönlicher Motive zu ersetzen. Für unsereArgumente hätte er gerade bei den englischen Staatsmännerngewiss Verständnis gefunden.
Die Reden des Botschafters erregten bei unszu Lande vielen Anstoss. Es war für die Herstellung einerbesseren Atmosphäre, in der allein die erstrebte Annäherunggedeihen konnte, erforderlich, dass auch in unserer öffent-lichen Meinung Vertrauen zu unserer englischen Politik undunserem Londoner Vertreter sich verbreitete. Dieses Momenthat der Bonst für die öffentliche Meinung so zugängliche Fürst
V ertrag,
Fürst Iiichnowskys
Dank der entgegenkommenden Haltung der britischen Re-gierung gelang es mir, dem neuen Vertrag eine unseren Wün-schen und Interessen durchaus entsprechende Form zu geben.
Der Vertrag, der so ausserordentliche Vorteile bot, dasErgebnis einer mehr als einjährigen Arbeit, war somit ge-fallen, weil er für mich ein öffentlicher Erfolg gewesen wäre.
Im Auswärtigen Amte aber, wo meine Londoner Erfolgezunehmendes Missvergnügen erregten und wo eine einfluss-reiche Persönlichkeit die Rolle des Herrn von Holstein spielte,den Londoner Posten für sich in Anspruch nahm, erklärteman, die Veröffentlichung gefährde unsere Interessen in denKolonien, da die Portugiesen uns alsdann keine Chancen mehrgeben würden.
Es wurde mir von Leuten, die britische Verhältnisse ver-kennen und die Bedeutung der public dinnere nicht würdigen,und auch von solchen, denen meine Erfolge unerwünscht waren,der Vorwurf gemacht, ich habe durch meine Reden geschadet.Ich glaube vielmehr, dass mein öffentliches Auftreten uud dieBetonung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen nicht un-wesentlich zur Besserung der Beziehungen beigetragen hat.