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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
Entstehung
Seite
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Trotz aller bisherigen Ausgleiche und Beilegungen drohenderKonflikte) gab Bussland seine Politik, die auf völlige Aus-schaltung des österreichischen Einflusses (und natürlich auchdes unseren) im Balkan hinzielte, nicht auf. Die russischen Agenten, von Petersburg inspiriert, wühlten weiter. Es han-delte sich um eine Prestige- und Existenzfrage der Donau-monarchie. Entweder sie musste vor den russisch-serbischenTreibereien die Segel streichen oder einquos ego gebieten,sei es auch mit dem Risiko eines Krieges. Wir konnten unserenBundesgenossen nicht im Stich lassen. Wollte man die ultimaratio des Krieges überhaupt ausschliessen, so hätte das Bünd-nis nicht geschlossen werden sollen. Es war zudem klar, dassdie russischen Rüstungen (z. B. Ausbau der Eisenbahnen undFestungen in Polen), zu denen das revanchelüsterne-Frankreich das Geld geliehen hatte, und die in wenigen Jahren beendetsein sollten, sich hauptsächlich gegen uns richteten. Aber trotzalledem, trotz der immer deutlicher zutage tretenden aggressivenTendenz der russischen Politik, hat uns der Gedanke einesPräventivkrieges ferngelegen. Wir haben uns zur Kriegser-klärung an Russland erst angesichts der russischen Mobil-machung und zur Abwehr eines russischen Einfalls ent-schlossen.

Den Briefwechsel mit dem Fürsten es handelte sich umPrivatbriefe habe ich nicht zur Hand. Lichnowsky plädiertefür eine Preisgabe Oesterreichs . Ich erwiderte, soweit ichmich erinnere, dass wir abgesehen von der vertraglichenVerpflichtung unseren Verbündeten nicht für die ungewisseFreundschaft Englands opfern könnten. Gaben wir unseren'einzig zuverlässigen Bundesgenossen preis, so hätten wirspäter ganz isoliert der Entente gegenübergostanden. DassRussland immer deutschfeindlicher würde und wires ebenriskieren müssten, werde ich wohl auch geschrieben haben.Es ist ferner möglich, dass lieh, um Liehnowskys Nerven etwaszu stählen und ihn davon abzuhalten, seine Ansichten auch inLondon zur Schau zu tragen auch geschrieben habe, etwasGepolter würde es wohl geben, ,..ie fester wir zu Oesterreich ständen, um so eher würde Russland nachgeben. Dass unserePolitik nicht auf angeblichen Berichten, die den Krieg aus-sehlossen, beruhte, habe ich bereits gesagt; ich hielt den Kriegdamals allerdings noch für vermeidlich, war mir aber, wie wiralle, der sehr ernsten Gefahr voll bewusst.

Dem englischen Vorschlag einer Botschafterkonferenzkonnten wir nicht zustimmen, da sie-zweifellos zu einer-ernstendiplomatischen Niederlage geführt hätte. Denn auch Italien war serbenfreundlich und stand mit seinen Balkaninteresscnmehr .gegen Oesterreich. DieVertrautheit der russisch -italienischen Beziehungen gibt Fürst Lichnowsky selbst zu.Der beste und einzig angängige Ausweg war eine Lokalisie-rung des Konflikts und eine Verständigung zwischen Wien undPetersburg . Hierauf arbeiteten wir mit aller Energie hin.Dass wir auf dem Kriegebestanden hätten, ist eine unerhörteBehauptung, welche durch die in den Weißbüchern veröffent-lichten Telegramme Seiner Majestät des Kaisers an den Zarenund an den- König Georg Fürst Lichnowsky weiss nur vondem geradezu demütigen Telegramm des Zaren zu erzählen! sowie unsere nach Wien gerichteten Instruktionen genügendentkräftet wird. Das stärkste Zerrbild bildet der Satz:

Als endlich Graf Berchtold sich zum Einlenken entschloss,beantworteten wir die russische Mobilmachung, nachdem Russ-land eine ganze Woche vergeblich unterhandelt und gewartethatte, mit dem Ul-timatium der Kriegserklärung.

Sollten wir etwa warten, bis die mobilisierte russischeArmee über unsere Grenzen flutete? Die Lektüre des Suchom-

Ich warnte, aber auch vor dem ganzen Projekt, das ich alsabenteuerlich und gefährlich bezeichnet«, und -riet-, den Oesler-reich-ern-ssigung anzuempfehlen, da ich an dieLokali-sierung des Konfliktes nicht glaubte. Herr von Jagow ant-wortete mir: Russland sei nicht bereit. EtwasGepolterwürde cs wohl geben, aber je fester wir zu Oesterreich stellen,um,so -eher würde Russland zurückweichen. Oesterreich be-schuldige uns schon der Flaumacherei, und so durften wir nichtkneifen. Die Stimmung in Russland würde andererseits immerdeutschfeindlicher, und dann mussten wir cs eben riskieren.

Sir Edward Grey ging die serbische Antwort mit mir durchund verwies auf die entgegenkommende Haltung der Re-gierung in Belgrad. Wir berieten dann seinen Vermittlungs-vorschlag, der eine beiden Teilen annehmbare Auslegung dieserbeiden Punkte vereinbaren sollte. Unter seinem Vorsitzwären Herr Cambon, Marquis Imperioli und ich zusammen-getreten, und es wäre leicht gewesen, eine annehmbare Formfür die strittigen Punkte zu finden.

Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward Grey uns, miteinem Vorschläge horvorzutreten. Wir bestanden auf demKrieg. Ich konnte keine andere Antwort erhalten, als dass esein kolossales Entgegenkommen Oesterreichs sei, keine Ge-bietserwerbung zu beabsichtigen.

Die inständigen Bitten und bestimmten Erklärungen desHerrn Sasonow, später die geradezu demütigen Telegrammedes Zaren, die wiederholten Vorschläge Si-r Edwards, dioWarnungen des Marquis San Giuliano und des Herrn Bolluti,meine dringenden Ratschläge alles nutze nichts: In Berlin blieb man dabei: Serbien muss massakriert werden.

Bald darauf war Herr von Jagow in Wien, um mit GrafBerchthold alles zu besprechen.