Selbstbewusstsein' 1 gewesen und in Russland darüber „Ver-stimmung“ geherrscht habe. Es kann nicht Aufgabe unsererPolitik sein, allen unberechtigten Forderungen des überspann-ten Selbstbewusstseins einer uns durchaus nicht freundlichenMacht auf Kosten unserer Bundesgenossen Geltung zu ver-schaffen. Für Russland liegen an der Adria keine vitalenInteressen vor, wohl aber für unsere Bundesgenossen. Hättenwir uns, wie Fürst Lichnowsky zu wollen scheint, durchwegauf den russischen Standpunkt gestellt, so wäre das Ergebniseine Demütigung Oesterreich-Ungarns und damit eineSchwächung unserer Gruppe gewesen. Fürst Lichnowskyscheint immer nur besorgt, dass Russland nicht gedemütigtwerde, eine Demütigung Oesterreichs ist ihm offenbar gleich-gültig.
Wenn Fürst Lichnowsky sagt, dass unsere „Austrophilie“nicht geeignet gewesen wäre, „Rußland seinen asiatischenInteressen zuzufiihren,“ so ist mir nicht recht klar, was damitgemeint sein soll. Nach einer missglückten Diversion nachOslasien — im japanischen Kriege hatten wir Russland be-günstigt, ohne jo Dank zu ernten! — hat Russland gerade seineauf den europäischen Orient (Balkan und Konstanti-nopel) gerichtete Politik mit verstärktem Impuls wieder auf-genommen. (Balkanbund, Buchlau, Iswolski usw.).
Balkankonferenz und
Staatsininistcr a. 1>. von Jagow:
Der schlaue Kretenser Venizelos mit dem „Bande des RotenAdlerordens“ hat unserm Botschafter wohl etwa Sand in dieAugen zu streuen gewusst. Er ist im Gegensatz zu KönigKonstantin und Theototy immer ententefreundlich gewesen.Seine jetzige Haltung hat diese seine Gesinnung in hellstemLichte gezeigt. Herr DaneW aber war ganz nach Petersburg orientiert.
Dass Graf Berchtold gewisse Neigungen für Bulgarien auch in dessen Differenzen mit Rumänien an den Tag legte, istrichtig; dass wir dies „natürlich mit ihm“ getan, ist aber durch-aus falsch. Mit unserer Begünstigung hatte König Carol dieGenugtuung des Bukarester Friedens. Wenn somit hinsichtlichdes Bukarester Friedens, bei welchem wir die Wünsche und dieInteressen des uns verbündeten Rumäniens begünstigt haben,unsere Politik etwas von der Wiener abwich, so hat das öster-reichisch-ungarische Kabinett doch ganz sicher nicht geglaubt— wie Fürst Lichnowsky behauptet — bei „einer Revision des-selben auf unsere Unterstützung rechnen zu können“. DassMarquis San Giuliano „uns davor gewarnt haben soll, schonim Sommer 1913 in einen Weltkrieg verwickelt zu werden“,weil damals in Oesterreich „ der Gedanke eines Waffengangesgegen Serbien“ Eingang gefunden hätte, ist mir ganz unbe-kannt. Ebensowenig weiss ich, dass Herr von Tschirschky —der allerdings von Natur etwas zum Pessimismus neigte — imFrühjahr 1914 erklärt haben soll, es gäbe bald Krieg. Ueberdie „wichtigsten Vorgänge“, welche Fürst Lichnowsky hiervermutet, habe ich mich also in der gleichen Unkenntnis be-funden, wie er selbst! Vorgänge, wie der englische Besuch inParis — der erste Sir Edward Greys auf dem Kontinent —werden dem Botschafter ja bekannt gewesen sein, und von demgeheimen russisch -englischen Marineabkommen haben wir ihmMitteilung gemacht — er wollte allerdings nicht daran glauben!
In der Angelegenheit Liman von Sanders haben wirRussland durch Verzicht auf die Kommandogewalt des Generalsüber Konstantinopel eine weitgehende Konzession gemacht.Ich will zugeben, dass dieser Punkt des Abko mm ens über dieMilitär-Mission politisch nicht opportun war.
v
zweiter Balkankrieg.
Fürst Iiiclmowsky:
Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Herr Venizelos .Er war damals nichts weniger als deutschfeindlich, besuchtemich wiederholt und trug mit Vorliebe und sogar in der fran-zösischen Botschaft, das Band des Roten Adler-Ordens.
Graf Berchthold (und natürlich wir mit ihm)war ganz auf seiten Bulgariens . Sonst wäre es wohl gelungen,den den Rumänen
Es ist anzunehmen, dass Marquis San Giuliano, derden Plan als eine „periculosissima aventura“ sehr treffendgekennzeichnet hat, uns davor gewarnt hat — schon imSommer 1913 — in einen Weltkrieg verwickelt zu werden.
Als einer meiner Herren im Frühjahr 1914 vom Urlaubaus Wien zurückkehrte, erzählte er mir, Herr von Tschirschkyhabe erklärt, es gäbe bald Krieg . . . Da ich aber über wichtigeVorgänge in Unkenntnis gelassen wurde, hielt ich diesenPessimismus für unbegründet.