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Meister des Plagiats oder die Kunst der Abschriftstellerei / Paul Englisch
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BernhardKurtzgefaßte Curieuse Historie derer Gelehrten,Darinnen Von der Geburth, Erziehung, Sitten, Fatis, Schrifftenusw. gelehrter Leute gehandelt ...", eine Ausgeburt wunder-lichster Pedanterie aus dem Jahre 1718 in 210 Kapiteln, ge-bührend aus, wobei er nicht nur den Stoff übernahm, sondernsogar ganze Sätze und Satzstücke wörtlich entlehnte, dieübrigen nur wenig umgestaltete.

Seine Verse:

Da droben auf jenem Berge,da steht ein feines Schloß.Da wohnen drei schöne Fräulein,Von denen ich Liebe genoß,

finden sich bereits fast gleichlautend inDes Knaben Wunder-horn ":

Da droben auf jenem Berge,da steht ein großes Haus.Da schauen wohl alle FrühmorgenDrei schöne Jungfrauen heraus.

Und der tiefergreifende Ausruf in denbeiden Grenadieren"Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind" ist der berühmtenschottischen Edwardballade nachgebildet, die Herder in seinerSammlung vonVolksliedern" deutsch nachgebildet hatte:DieWelt ist groß, laß sie betteln drin, Mutter, Mutter!".

Auch sonst ließe sich eine größere Blütenlese bewußter undunbewußter Entlehnungen Heines aus anderen Vorbildern fest-stellen, ohne daß man verpflichtet wäre, den Vorwurf desliterarischen Diebstahls gegen ihn zu erheben, selbst wenn ersich zu dem etwas befremdenden Ausruf versteigt:Ich werdesystematisch auf den Gedankendiebstahl ausgehen" 25 ), der viel-leicht nur als Musterbeispiel der ihm eigenen, vor ihm selbernicht Halt machenden Ironie zu deuten ist. An anderen Stellenjedoch hat er seinen diesbezüglichen Standpunkt um vieles ein-deutiger präzisiert, wenn er schreibt:. . . Nichts ist törichter,als dieser Vorwurf des Plagiats, es gibt in der Kunst kein sech-stes (siebentes! D. V.) Gebot, der Dichter darf überall zugreifen,

m ) Heines Briefe, herausg. r. Fr. Hirth, München und Leipzig , 1914, Bd. I,S.341.

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