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Meister des Plagiats oder die Kunst der Abschriftstellerei / Paul Englisch
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wo er Material zu seinen Werken findet, und selbst ganzeSäulen mit ausgemeißelten Kapitalem darf er sich zueignen,wenn nur der Tempel herrlich ist, den er damit stützt. Dieseshat Goethe sehr gut verstanden und vor ihm sogar Shakespeare .Nichts ist törichter, als das Begehrnis, ein Dichter solle alleseine Stoffe aus sich selber heraus schaffen: das sei Originali-tät." 28 ) Und diese Ablehnung des Plagiats will er sowohl fürden Stoff wie für die Form verstanden wissen 27 ). An andererStelle wiederum sagt er:Nichts ist lächerlicher als das rekla-mierte Eigentumsrecht an Ideen" 28 ). In diesem Punkte begegneter sich mit Moliere, der bekannte:Je prends mon bien je le trouve." 29 ).

Aus diesem weitherzigen Standpunkt heraus erklärt es sichwohl auch, daß Heine in dem LiedSchöne Wiege meinerLeiden" Schiller seine Reverenz erweist und in dem be-kannten Gedicht:

Hände küssen, Hüte rücken,Kniee beugen, Häupter bücken,Kind, das ist nur Gaukelei,Denn das Herz denkt nichts dabei.

den alten Friedrich von Logau ausschreibt, natürlichohne ihn zu nennen. Oder hat etwa dieser bei dem Wechsel-balg Heines nicht Gevatter gestanden? Man vergleiche LogausVerse:

Hände küssen, Hüte rücken,Kniee beugen, Häupter bücken,Worte färben, Rede schmücken,Meinst du, daß das Gaukeleioder echte Freundschaft sei?

Heine beruft sich in dem erwähnten Zitat mit Recht auf so ge-wichtige Kronzeugen wie Shakespeare und Goethe.

M ) Werke IV, 527: Über die französische Bühne, 6. Brief.S7 ) a. a. 0. VII, 429.*>) V, 294.

5B ) Intermediaire des chercheurs et des curieux v. 10.2.1880; vgl. dieNachweise bei C a r 1 h a v a, De l'art et de la Comedie. Paris , Pierres 1786,2 vol., die jedoch gerade erkennnen lassen, wie geschickt und zuweilengenial Moliere Kupfer in Gold, Straß in Diamanten verwandelt hat. Er selbstwurde wiederum mehrfach ausgeschlachtet: vgl. Les plagiaires de Moliereen Angleterre, inMolieriste" vom August 1881.

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