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Meister des Plagiats oder die Kunst der Abschriftstellerei / Paul Englisch
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Und stand in süßen Freuden.Röslein, Röslein, Röslein rot,Röslein auf der Heiden.

Ferner findet sich in den Erinnerungen der Markgräfin vonAnsbach eine spukhafte Geschichte, die mit dem Namen derfranzösischen Schauspielerin C1 a i r o n eng verknüpft ist undsich ganz ähnlich in denUnterhaltungen deutscher Ausgewan-derter " wiederfindet").

Aber Shakespeare und Goethe stehen mit dieser weitherzigenAuffassung nicht isoliert da. Eduard Stemplinger 80 )führt Urteile der erlauchtesten Geister an, die ihren diesbezüg-lichen Standpunkt zweifelsfrei charakterisieren. Hier sprechenMänner wie Lessing, Schiller, Wieland, Tieck ,Spielhagen, A. de Musset , Chenier, Geibel,R a f f a e 1 ganz unumwunden aus, daß sie ihren Stoff nur höchstselten eigener Erfindung verdanken, daß dieser auch nicht denMeister mache, sondern die Art der Behandlung. Am bestenpräzisiert Geibel diesen Standpunkt:

Woher ich dies und das genommen?Was geht's euch an, wenn es nur mein ward?Fragt ihr, ist das Gewölb vollkommen.Woher gebrochen jeder Stein ward?

Sie alle verteidigten die Nachahmung, die Entlehnung, diewir heute als Plagiat bezeichnen, unter der Voraussetzung,daß der Autor dem gegebenen Stoffe nur den eigenen Atemeingehaucht habe. Der Stoff an sich bedeute gar nichts, dieAusführung alles. So gestaltete Schiller Carlo G o z z i stragikomisches MärchenTurandot" selbständig um, Shake-speare modernisierte ältere Schauspiele und Komödien, oftmit Beibehaltung derselben Szenen und Ausdrücke, genau sowie Moliere in seinem LustspielLes Fourberies de Scapin "zwei ganze Auftritte aus Cyrano de Bergeracs ,,Le

u ) Vgl. Siegfried Nassauer, in: Goethe-Kalender 1933, Jhrg. 26, S. 152 bis189; Dr. Julius Schuster, Goethe als Plagiator? Hist.-krit. Send. Brief anDr. Dr. h. c. Wilhelm Junk . Ein Intermezzo zum Festessen der Gesellschaftder Bibliophilen am 15. November 1931 (Neubrandenburg 1931, richtig:Berlin, W. Junk ); 14 S. 1 Abb.; H. Bogner, Eine unbekannte EntlehnungGoethes, in: Philologus 1932, Bd. 87, H.4, S. 1481/2.

*) a. a. 0. S. 158162.

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