mich zu wärmen . . . ich muß meine ganze Belesenheit so gegen-wärtig haben, ich muß bey jedem Schritte alle Bemerkungen,die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so ruhigdurchlaufen können ..." Diese Stelle ist nicht etwa nur alsein Ausdruck der Bescheidenheit Lessings anzusehen, sondernentspricht in mancher Beziehung tatsächlich den wirklichenVerhältnissen. Albrecht führt den Nachweis, daß es Lessing anErfindungsgabe fehlte, daß er es aber in der Zusammenleimungfremder Stoffe zur Meisterschaft gebracht hat. Große Ex-cerptensammlungen boten ihm dazu die Handhabe, und er be-nutzte sie in ausgiebiger Weise. Durch die Anprangerung dieserSchwächen Lessings wird freilich seiner übrigen Bedeutung alsBahnbrecher wenig Abbruch getan.
Daß die überaus große Fruchtbarkeit Wielands Anleh-nungen notwendig machen mußte, liegt auf der Hand. DieBrüder Schlegel nagelten sie in ihrem „Athenäum" fest. Hierheißt es höchst originell:
„Nachdem über die Poesie des Hofrat und Comes Palatinus Caesarius Wieland in Weimar auf Ansuchen der HerrenLucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire ,Crebillon, Hamilton, und vieler anderer Autoren con-cursus creditorum eröffnet, auch in der Masse mehreres ver-dächtige und dem Anschein nach dem Horatio, Ariosto ,Cervantes und Shakespeare zustehendes Eigentumsich vorgefunden; also wird jeder, der ähnliche Ansprüche titulolegitimo machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsi-scher Frist zu melden, hernachmals aber zu schweigen."
Diese nonchalante Auffassung in der Stoffwahl ist natürlichkein typisches Kennzeichen der Klassikerzeit, die in der Fragedes literarischen Eigentums freiere Anschauungen vertrat. Auchdie jüngste Vergangenheit ebenso wie die unmittelbare Gegen-wart bieten uns Beispiele genug an bedenklichen Skrupellosig-keiten. Karl Julius Weber , der berühmte Verfasser des„Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philo-sophen" verwob darin ganze Erzählungen Wekherlins und
27