Victorien Sardou hat bei jedem seiner erfolgreichenStücke sich diese Beschuldigung einstecken müssen 51 ). MarioUrchard beispielsweise, der eine „Fiammina" geschrieben hatte,behauptete, Sardou hätte ihn in seiner „Odette" plagiiert, wurdejedoch vom Gericht mit seiner Klage abgewiesen, da dieses aufdem Standpunkt stand, daß ein Stück, das die gleiche Begeben-heit behandelt wie ein anderes, auch die gleichen Personen undCharaktere zeichnen dürfe. Sein „Bon Villageois" weist aufPaul Lacroix (Marchand du Havre) als Stammvater hin,die „Pommes du voisin" auf Jules Sandeau (Un debut dansla magistrature), bei der „Maison neuve" hat G o z 1 a n mit „Laduchesse de Montemayor" Pate gestanden, bei der „FamilieBenoition" die Brüder Goncourt (mit Renee Mauperin).Seine „La marquise" geht auf die „Marquise de Fleury" vonAndre Chenier zurück, „Fernande" auf eine Episode ausDiderots „Jacques le Fataliste ", die als „Merkwürdiges Bei-spiel einer weiblichen Rache" von Schiller übersetzt wordenist. Die bekannte „Marcelle", in der ein Mann eine Schöne ver-teidigt, die er für schuldig hält, und die sich schließlich als un-schuldig offenbart, wiederholt eine der ältesten dramatischenSituationen. Sardou hat sie direkt aus dem „Tancrede "Voltaires entliehen, der sie in der „Comtesse de Savoie"der Madame de Fontaine gefunden hatte. Aber in Wahr-heit geht dieses vielbearbeitete Motiv bis auf eine ErzählungBandellos, neben Boccaccio eine der reichsten Fund-gruben späterer Dramatiker, und noch über den italienischenNovellisten bis auf A r i o s t s „Rasenden Roland" zurück. Dassind alles erlaubte Entlehnungen. Ein wirkliches Plagiat hatSardou mit seinem „Divorcons" an einem Einakter von R o s i e rB u t u s „Lache Cesar!" begangen. Die Figuren der Cyprienne,ihres Mannes und ihres Liebhabers sind dort vollständig vor-gezeichnet, nur immer mit dem Unterschiede, daß Sardou ausder sehr glücklichen Erfindung, mit der sein Vorgänger nichts
51 ) Vgl. V. Sardou, Mes plagiats , in „Fransais" v. 14.8. 1833; Sardouplagiaire, in: Gazette anecdotique, v. 25. 12. 1887 u. 15. 12. 1888, ferner „LeLivre". Bibliographie moderne 1883, S. 608.
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