das innere Wachsen der Hauptfigur zu bewirken hatte. DasWort ist dann nur noch ein ganz untergeordneter Behelf."
Wassermann will, wenn ich ihm richtig verstehe, wie schonso mancher vor ihm (siehe d'Annunzio !) damit andeuten, daßes auf die wörtliche Entlehnung nicht so sehr ankommt, als aufdie Komposition, auf den schöpferischen Gedanken. Allein ge-rade diese vermißt man bei Wassermanns Novelle. Ohne dasPrescottsche Werk könnte sie gar nicht bestehen. Wenn nununser Autor bemerkt, er konnte nicht erwarten, daß die Be-nutzung des Prescottschen Werkes unbemerkt bleiben würde,so wirken diese Worte, nachdem ihm die Abhängigkeit nach-gewiesen worden war, nicht gerade überzeugend. Wenn Wasser-mann so sicher gewesen wäre, hätte es dieses Versteckspielensmit dem Leser gar nicht bedurft, und es hätte seinen Interessenbesser gedient, wenn er nach bewährter Methode gleich aufdem Titelblatt seiner Novelle sein Vorbild genannt hätte.
Leider aber scheint es sich hier um keinen möglicherweisewegdisputierbaren Einzelfall zu handeln, denn vier Jahre späterwurde Wassermann der gleiche Vorwurf des Plagiats bei seinemRoman „Kaspar Hauser " gemacht. Marianne Thalmannführt in ihrer Abhandlung „Wassermanns Caspar Hauser undseine Quellen" in der Zeitschrift „Deutsches Volkstum" 70 ) denNachweis, daß Wassermanns offenkundige Abhängigkeit inseinem Roman von allen Quellen bis in die geringfügigstenFugen des Aufrisses hineinreicht, ein „Gleichklang" von Quelleund Roman, wie er sich in dem Buche Seite um Seite einstellt.Freilich springt er dabei einmal zu dieser, einmal zu jenerQuelle, mischt sie auch durcheinander bis zu einer Annäherungan das Original, die über das Erträgliche hinaus gesteigert wird.Marianne Thalmann nennt vorsichtig das einen „Zustand stärk-ster Gebundenheit durch die Vorlage", und die Zusätze Wasser-manns lägen nur in einer Ausmalung „der landschaftlichen Um-welt", so daß „er im wesentlichen auf die stilistische FassungWert legt, auf die Neuprägung des Wortes und die wirkungs-volle Aufreihung". Bei Wassermann bleibt der übliche Verlauf
7B ) ll.Jhrg., März 1929, S. 208—218.
4 Meister des Plagiats
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