Druckschrift 
Meister des Plagiats oder die Kunst der Abschriftstellerei / Paul Englisch
Seite
50
Einzelbild herunterladen
 

der Handlung in einem Abhängigkeitsverhältnis, das als Be-arbeitung und nicht als Durchgestaltung der Quellen angesehenwerden muß. Auffallend ist die stilistische Sorglosigkeit, mitder Wassermann ganze Satzgebilde und Wendungen mit über-nimmt . . . eine Sorglosigkeit, die um so bedenklicher ist,als Wassermann allereinfachste Redewendungen, Eigenschafts-wörter, die Rede fortführende Konjunktionen übernimmt, ohnejedes Bedürfnis, sich den geschichtlichen Sachinhalt durch eineigengesetzliches Satzgebilde zu erwerben." Manche Episodeerscheint ohne das sichere Skelett der Vorlage nicht denkbar.Gerade die tragenden Dialoge, die dem Autor den Ruf der Be-seelung eines nüchternen Akteninhalts eingetragen haben, ge-hören zu den Teilen, in denen Wassermann abhängig ist.Esist", so wird resümiert,ein Ausschneiden und Zusammensetzenaus vielerlei Berichten eine Zeitungsredaktion mit den Rand-bemerkungen des Berichterstatters, direkte Rede wird in in-direkte umgesetzt, ein ursprünglicher Amtsbericht wird zuDialogstücken aufgelockert usw." Andeutungsweise fügt diekritisch abwägende Verfasserin noch hinzu, daßauch Teileanderer Romane von einer solchen Hypertrophie der Lese-früchte nicht frei sind" 80 ).

Die gleiche, peinlich bis auf den Grund schürfende Autorindeckt inChristian Wahnschaffe alias Emanuel Quint " 81 ) eineneuerliche sehr starke Abhängigkeit Wassermanns von einemVorbild auf, das diesmal Gerhart Hauptmann heißt.

Wassermann sucht seine Arbeitsweise damit zu begründen,daß er, nach seiner Biographin Julie Speyer-Wasser-mann 82 ), behauptet, alle Produktion sei im Grunde nur derVersuch einer Reproduktion, sei Annäherung an Gehörtes, Ge-schautes und Gefühltes, seidurch einen jenseitigen Trakt desBewußtseins eingegangen" und müsse dannin Stücken, Trüm-mern und Fragmenten aus dem Bewußtsein ausgegraben"

80 ) Näheres in der gleichen Zeitschrift v. Sept. 1929, S. 663 ff; vgl. a.DieWahrheit", Berliner Wochenschrift, Nr. 15 v. 13.4. 1929.

81 ) Deutsches Volkstum 1929, S. 663 ff.

82 ) Jakob Wassermann und sein Werk, Wien und Leipzig 1923, S. 112.

50