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Meister des Plagiats oder die Kunst der Abschriftstellerei / Paul Englisch
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Nun kann man freilich den BegriffTeile" sehr weit und sehreng fassen. Werden ganze Abschnitte aus einer anderen Schriftübernommen, ohne entsprechenden Hinweis auf die wahreAutorschaft, so wird nur der Plagiator selbst ein Plagiat inAbrede stellen. Anders hingegen, wenn kurze Stellen wort-wörtlich aus einem bereits vorhandenen Werk in ein neu-geschaffenes übernommen werden, wobei wiederum das absolutGeringfügige im Verhältnis zum neugeschaffenen Produkt nichtmehr geringfügig zu sein braucht, d. h., wenn die eigene Leistunggegenüber dem Angeeigneten in den Hintergrund tritt. Wereine Broschüre von 16 Seiten Umfang mit 2 Seiten fremdenGeistesguts füllt, ist ein Plagiator, mag er auch sonst in Amtund Würden stehen. Bei Werken größeren Umfangs wird mansich die Frage vorlegen müssen, ob das neugeschaffene Werkauch ohne die Zwangsanleihe als eine originelle Schöpfung auf-zufassen ist und das Entnommene gewissermaßen nur zum Auf-putz der Fassade verwendet wurde. Maßgebend ist immer dieleitende Idee des Autors, der gleich wie ein Baumeister fürseinen Bau die entsprechenden Stücke an die rechte Stellesetzt. Auch der Baumeister denkt nicht daran, diese zuvor ausdem Steinbruch auszubrechen, zu behauen und für den Baufertigzumachen, sondern überläßt das anderen. Dieses Gleich-nis hat Geibel einmal gewählt. Man sieht aber gleich, daß derVergleich hinkt. Beim Baumeister ist das verwendete Materialvon der Natur gegeben, es wird nur zugerichtet. Nicht andersin der Literatur, bei der ein Autor sich der Sprache bedient,die für ihn dichtet und denkt". Sie ist das Material, das ge-formt werden muß und das nicht in seiner Formung von anderenübernommen werden kann. Auch der Baumeister übernimmtnicht den fertigen Dachstuhl oder die vorhandenen Mauerneines anderen Gebäudes, um aus diesen Fertigfabrikaten einneues zu errrichten. Es würde ihm auch nicht einfallen, denDachstuhl oder die Fensterrahmen als sein Eigenfabrikat be-zeichnen zu wollen, sondern er überläßt die Ehre der Urheber-schaft dem Zimmermann und dem Tischler. Der Autor hingegen,der sich mit fremden Federn schmückt, will die Herkunft ver-

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