Druckschrift 
Soll Deutschland seine Goldwährung aufgeben? / von F. Thorwart
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

schätzt. Er betrug seit 1886 im Jahre höchstens 18 Prozent des eng-lischen Gesamtimports, ist aber in den letzten Jahren regelmäßig zurück-gegangen und beträgt heute nur noch etwa 7 Prozent, weil die Lon-doner Getreidepreise die Zufuhr nicht mehr rentabel erscheinen lassen.Er bildet noch nicht einmal den sechzigsten Teil des Weizens, welcherin den am Welthandel beteiligten Kulturstaaten geerntet wird; seineEinfuhr nach Deutschland belief sich im Jahre 1894 auf kaum 100 000(genauer 94699) Doppelzentner. Mit vollem Rechte konnte daherjüngst behauptet werden, daßheute die Silberpreise auf die Gestal-tung der Weizenpreise nicht mehr Einfluß haben, als die Eisen- undKupferpreise". Wie kann man denn glauben, daß die 7 Prozent eng-lischen Getreide-Imports aus Indien den Weizenpreis ganz Europas nach unten beeinflussen, die übrigen 93 Prozent des Imports nach Eng-land ohne Einwirkung bleiben sollen? Der Welthandelspreis richtetsich nicht allein nach den billigsten Herstellungskosten einzelner Produ-zenten, sondern zugleich auch nach den teuersten; deshalb kann wohlder höhere europäische Preis den billigen indischen Preis verteuern,nicht aber umgekehrt dieser den ersteren ermäßigen. Würde wirklichdie deutsche Landwirtschaft mit Einführung des Bimetallismus höherePreise erzielen und dadurch eine allgemeine Preissteigerung herbeige-führt werden, dann würde auch der indische Exporteur davon profi-tieren und der Vorteil sich nach dieser Seite wieder aufheben.

Einen weiteren Beweis dafür, daß die Silberpreise und die Ge-treidepreise nicht immer gleichmäßig auf- und abgehen müssen, liefertdie New-Iorker Börse, wo das Silber seit Anfang Januar d. I. bisEnde Februar infolge der Währungsdebatte im deutschen Reichstageum 1'/2 Points stieg, während gleichzeitig dort Weizen von 61°/t auf58'/- gefallen ist.

Endlich ist zu beachten, daß der Vorteil aus höheren Getreide-preisen 76 Prozent aller deutschen Landwirte mit Grundbesitz unter 5 Hek-taren nicht zu Gute kommt, da diese gar nicht in der Lage sind, Ge-treide zu verkaufen; sie würden vielmehr dadurch geschädigt werden,daß sie alle Anschaffungen in Haus und Wirtschaft bei einer allge-meinen Preissteigerung gleichfalls teurer bezahlen müssen.

Die Agrarier fordern fernerhin Schutz gegen die Benachteiligungoller derjenigen, welche unter der Herrschaft der Silberwährungalso vor dem Jahre 1872 Schulden aufgenommen haben und dieseheute in dem viel höherwertigem Gold zurückzahlen müssen. Ob derBetrag der vor fast einem Vierteljahrhundert aufgenommenen Schuldennoch ein großer sein wird, mag dahingestellt sein; wo der Kleinbetriebin der Landwirtschaft vorherrscht, wie in Süddeutschland, beträgt dieserSchuldenrest nachweisbar nur einige Prozente. Jedenfalls kann aber dieverlangte Abhilfe vernünftigerweise nur so gedacht werden, daß durchVermehrung der Silbermünzen die Preise für die Bodenprodukte in dieHöhe getrieben werden sollen. Denn die Einführung des Bimetallis-mus würde ein bestimmtes Wertverhältnis zwischen Silber und Gold