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Soll Deutschland seine Goldwährung aufgeben? / von F. Thorwart
Entstehung
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III.

Der hauptsächlichste Vorwurf, der gegen die Goldwährung er- Preisnick-hoben wird, geht dahin, daß durch die höhere Kaufkraft des Goldesdie Warenpreise ermäßigt worden seien. Es ist richtig, daß nichtwenige Artikel in den letzten fünfundzwanzig Jahren billiger gewordensind, aber dafür ist nicht die Goldwährung verantwortlich zu machen.Die Preise einer Anzahl englischer Massenkonsumwaren, im Jahrzehntvon 1866 bis 1877 mit 100 angenommen, zeigen zwar in 1888bis 1892 einen Rückgang auf 71 Prozent, aber einen ähnlich niedrigenStand hatten sie auch vor 1866 (1848 bis 1857: 89 Prozent). Ver-gleicht man die hauptsächlichsten Warenpreise in Hamburg , diese unter derSilberwährung von 1847 bis 1850 zu 100 angenommen, so zeigen sie nachEinführung der Goldwährung eine Steigerung von 133 Prozent in1871 bis 1875, dagegen nur von 119 Prozent in 1881 bis 1884.Aber diese Bewegung ist, was wenn jene Behauptung richtig wäreder Fall sein müßte, weder für alle Waren einheitlich noch gleichmäßig;die einen sind erheblich mehr gestiegen, andere gleichzeitig gefallen.Auch in Preußen erhöhten sich die Kornpreise, in den Jahren 1851bis 1871 also unter der Silberwährung mit 100 Prozent angenommen, nachEinführung der Goldwährung in 1870 bis 1880 auf 108 Prozent,um erst später den bekannten Rückgang zu erfahren. Die Ursache dersinkenden Preise ist nicht in der Goldknappheit, sondern in dem Zu-sammenwirken einer Reihe einzelner Erscheinungen zu suchen: in derHeranziehung jungfräulicher Landstriche z. B. in Nordamerika , in Argen-tinien, in Australien zu Ackerbauzwecken, in deren viel intensiveren Be-wirtschaftung durch Maschinen, in der Ausnützung von Erfindungen undForschungen, in der Aufhebung der Entfernungen durch den Bau vonEisenbahnen in Amerika seit 1860 um das Fünffache, in Ruß-land um das Zwanzigfache, in der Eröffnung neuer Dampfschiffahrts-linien, des Suezkanals u. s. w. Zur Beurteilung des Einflusses derFrachtermäßigungen genüge der Hinweis, daß früher der Transportvon 100 Pfd. Roggen mit Pferd und Wagen auf guten Wegen13 Pfg. für 10 km kostete, auf schlechten noch mehr, heute mit derEisenbahn jedoch nur 2 Pfg.! Und auch die Eisenbahnfrachten habendie Tendenz zu sinken, wie uns am besten Amerika zeigt, wo die sogenanntenGrangerlinien ihre früheren Sätze um 40 ja selbst um 60 Prozent herab-gesetzt haben, ebenso wie auch die Frachtsätze aus Indien infolge des See-wegs durch den Suezkanal um 60 Prozent billiger geworden sind. WelchenWert haben früher für ganz wertlos erachtete Rohprodukte dank dertechnischen Entdeckungen gewonnen! Man denke an die Thomasschlacke,an den Theer, welcher uns die leuchtenden Anilinfarben liefert,an die Thonerde, aus welcher wir mit Hilfe der Elektrizität Alumi-nium ausscheiden und zwar in solchen Mengen, daß dieses, welchesin 1856 mit 900 Frcs. per bezahlt wurde, jetzt mit 4 Frcs.