Druckschrift 
Die Entstehung des Weltkrieges im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandmächte / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

47

England das Durchfahren des Kanals oder der Nordsee durch diedeutsche Flotte als casus belli behandeln werde.

Auf Grund dieser unbestreitbaren, durch die offiziellenVeröffentlichungen der Dreiverbandsregierungen selbst be-stätigten Zusammenhänge wird vor dem Richterstuhl derGeschichte die Behauptung, dass Deutschland den Krieggewollt und verursacht habe, in nichts zerfallen. Russ-land ist als der Brandstifter, Frankreich und England sindals die Mitschuldigen erwiesen.

Es liegt nicht im Rahmen dieser Darstellung, in den Urgrund derverhängnisvollen Verkettung von Einzelvorgängen und Einzelhand-lungen hinabzusteigen, die in den Tagen vom 24. Juli bis zum4. 'August den grössten und blutigsten Krieg der Weltgeschichteheraufbeschworen haben. Es genüge die Andeutung, dass dieseEinzelvorgänge und Einzelhandlungen, dass die Worte eines Grey,eines Cambon und Sasonoff, dass die Handlungen des Ersten Lordsder britischen Admiralität und des russischen GeneralissimusWorte und Handlungen, die an sich gegenüber der grossen Mensch-heitstragödie klein erscheinen mögen nur die in der entscheiden-den Zeit an die Oberfläche getretenen Manifestationen der Kräftesind, deren Walten die Weltgeschichte unserer Zeit ausmacht.

Bei Russland der Drang nach der Vorherrschaft im nahen Orient,doppelt stark seit der Niederlage im Krieg mit Japan, und ent-schlossen, bei Aussicht auf Erfolg jeden Widerstand der Zentral-mächte gewaltsam zu brechen.

Bei Frankreich die verhängnisvolle Orientierung der Gesamt-politik nach dem negativen Pol des mit Furcht gepaarten unversöhn-lichen Revanchedurstes, auslaufend in die immerwährende Bereit-schaft, mit jedem starken Gegner Deutschlands gegen uns zu mar-schieren.

Bei England der Handelsneid gegen jede aufstrebende Wirt-schaft, dazu die instinktive Gegnerschaft zur stärksten Kontinental-macht und die Tradition der gewaltsamen Unterdrückng jedes konti-nentalen Strebens nach Seegeltung.

Diese heterogenen Kräfte haben das Netzwerk der Ententegesponnen, das der kleinen Minderheit der den Krieg entschlossenWollenden zum furchtbaren Werkzeug wurde, und in dem die grossefriedliche Mehrheit der Völker Russlands, Frankreichs und Eng-lands sich rettungslos verfing: Russlands Stellungnahme zu Oester-reich-Ungarn in der serbischen Frage stellte die Entente vor die ent-scheidende Belastungsprobe; es ist kein Zweifel, dass ein Wortder Weigerung Frankreichs genügt hätte, die Kriegspartei in Russ-land niederzuhalten; es ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, dass