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kurzsichtig können wir uns weder Thiers, noch sonst ein Mitgliedder Opposition denken, nicht die unausbleibliche Folge solcher An-griffe mit Bestimmtheit vorauszusehen. Und wenn sie sich schmei-cheln konnten, daß die Regierung diesen ewig bohrenden, bren-nenden, hetzenden Recriminationen widerstehen, daß sie fallen würde,— denn das war ja ihr Hauptzweck - weil sie in Deutschland hatte geschehen lassen, würde die nach diesem Sturz kommende Re-gierung nicht eben deshalb das Kriegsprogramm gegen Deutschland habe» aufnehmen müssen? Aber sie wußten es nur zu gut, diebonapartistische Regierung würde nicht fallen, ohne das letzte Rei-nigungsmittel gegen ihre Vorwürfe ergriffen zu haben; sie wußten,daß, je erfolgreicher ihre Angriffe waren, sie desto gewisser den Kaiserin den Krieg trieben; und was dabei trotz aller theoretischen Frie-densliebe und trotz öffentlicher Moralpredigten in ihrem Innernspielte, das war bei den einen die stille Hoffnung, daß der Kriegdas Empire stürzen werde (s. u, a. Gambetta ), bei den andern dieeigene geheime Lust am Krieg, der eigene Haß gegen Preußen , die" Antipathie gegen Deutschlands wachsende Größe. Alle diese unver-kennbar in ihrer Brust arbeitenden Triebe befriedigten sie, indemsie die Regierung unter der Last ihrer Vorwürfe wegen der frühernNichteinmischung erdrückten, Frankreich tagtäglich das hereingebro-chene und noch bevorstehende Unheil vor Augen hielten, und dabeisich gleichwohl noch mit der Rolle der. Friedensfreunde bedachten,sich, der Verantwortlichkeit ihrer Urheberschaft entzogen, indem siejedesmal am Schluß ihrer Tiraden ausriefen: „Aber jetzt ist's zuspät, jetzt um Gotteswillen keinen Krieg, Friede, Friede, Friede!"
Wer zweifeln wollte, daß gerade die äußerste radicale Parteiselbst den Krieg nicht scheute als ein Mittel zu ihrem souveränenZweck, dem Sturze des Kaisers, der frage die Leute, welche den4. September 1870 in Paris miterlebt haben. Paris schwamm