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in einem Freudenmeer; keiner, der es nicht gewußt, hätte je vonfern errathen, daß diese Stadt soeben die Niederlage und Gefangen-nahme ihres schönstes Heeres, ihres einstigen Stolzes vernommenhatte. Nein, es war eine Siegesfeier. Triumph und Freude aufallen Gesichtern, Frohlocken und Händedrücken bei allen Begeg-nungen. Der Verhaßte war gestürzt, die Adler wurden abgerissen,die Anfangsbuchstaben N und L an allen Thüren ausgekratzt; derunanshaltsame, unreflectirte Ausbruch gerade dieses Gefühls war somächtig, daß das, was sonst für diese Menschen — uud für wennicht? — das furchtbarste gewesen wäre, im Taumel der ersteuBefriedigung vergessen, und ohne Ueberlegung der innersten eigenenNatur gefröhnt wurde. Wer will uns da noch weismachen, daßdiejenigen Unversöhnlichen, welche Napoleon die ErniedrigungFrankreichs vorgeworfen hatten, den Krieg nicht wollten?
Im vorletzten Augenblick, wohl fühlend, welchen ungeheuernmoralischen Antheil sie an dem europäischen Unglück hatten, inGegenwart des furchtbaren Geschicks, die Möglichkeit der schreckliche!:Zukunft eutferut ahuend, im Augenblicke, da das Spiel gelungenwar, das sie so lange gespielt, zwang sie das böse Gewissen undrieth ihnen die Lebensklugheit, noch schnell einmal ihre Hände inUnschuld zu waschen. Herr Thiers bestieg die Tribüne und spracherschütternde, warnende, muthige Kassandra-Worte gegen den Krieg.Er wußte, daß er ihn nicht mehr aufhielt; er wußte, daß er un-widerruflich beschlossen war, daß die ganze Kaiserpartei, und alleswas in ihrem Schlepptau hing, durch seinen Widerspruch nur nochmehr würde angestachelt werden. Wenn auch der thörichte Pöbelohue Zweifel vou einigen December-Männern geführt, Abends vorsein Hotel zog und dem „?rus8isii" drohte*), so kann in den Augen
*) Ein Beweis mehr, wie der Geist der Commune schon in den patrioti-schen Schaaren steckte! Als sie die Herren von Paris wurde», beeilten sie sich,