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ergriff die meisten, auch solche, die den Krieg von vornherein nichtwollten, sobald der Krieg einmal erklärt war, nur noch ein Ge-danke: der an den bevorstehenden glänzenden Sieg! Die Reden,welche der sanfte, gewerbfleißige Präsident des gesetzgebenden Kör-pers, Herr Schneider, hielt, die Nede Rouhers, des Hauptes derFriedenspartei seit einem Jahrzehnt —- alle diese Reden, die über-flössen von Siegesgewißheit, sie waren nicht vom Servilismus ein-gegeben, sondern sie kamen aus dem Herzen. Die tausendzüngigePresse posaunte nur in gesteigertem Chorus was alle fühlten. DerKaiser allein empfand eine dunkle Beklommenheit. Er antwortetedenen, die von einer kurzen Promenade nach Berlin sprachen, mitder Wahrscheinlichkeit eines ernsten und langen Kriegs. Sie Hor-ten's mit Unglauben. Auch hier war er vernünftiger und unter-richteter als die meisten seiner Unterthanen. Um aber in der Thateine annähernde Vorstellung von dem Zustande der Geister in derersten Woche nach der Kriegserklärung zu haben, muß man vonAugenzeugen Einzelnheiten aus dem Privatleben hören; wie, mitseltenen Ausnahmen, die sonst ruhigsten und liberalsten Leute,Mäuner, Frauen und Kinder in lichter Kriegslohe entbrannt warenund im Vorgenuß der beginnenden Zerschmetterung Preußensschwelgten. Heute, wenn wir den Franzosen die von unglaublichemUebermuth angeschwollenen Gaseonnaden ihrer Presse aus jenerZeit vorhalten, seufzen sie wohl und sagen: „Ja, jene schändlichenJournalisten, sie sind an allem Schuld."
Aber Jeder, dem es möglich ist, durch eigenes Entsinnen oderdurch Nachforschen sich in das Schauspiel zurückzuversetzen, welchesdamals das Privatleben — wenigstens in Paris — darbot, istdurchdrungen von der Einsicht, daß die Zeitungen nur den Wider-schein der thatsächlichen Empfindung der großen Mehrheit verstärktwiedergaben. In den Familien, in den Schulen, in den geselligen