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Vereinen, im Sprechzimmer der Professoren, natürlich in den öffent-lichen Localen und auf den Straßen herrschte derselbe Geist. Andem glorreichen triumphalen Ausgang zweifeln war so viel alsVaterlandsverrath. Wer an einem Tisch äußerte, daß vielleichtdie deutschen Truppen nicht so leicht zu schlagen seien, wurde mitUnwillen vertrieben.
Aus diesem Glauben an die nationale Unfehlbarkeit, aus dieserunausrottbaren Fatuität erfließen alle andern Ungeheuerlichkeiten,denen wir staunend zusehen, ohne sie mit unserm früher«: Urtheilüber dieses Volk vereinbaren zu können. Ist denn eine Nation,die wir so lange als verständig, skeptisch, menschlich kannten, imHandumdrehen thöricht, leichtgläubig, grausam^ gewordeil? Nichtdas, aber der breunende Schmerz an der einen wunden Stelle hatsie in einen Paroxysmus versetzt, der alle audern Fähigkeiten auf-hebt. Jeder aus der Zeit vor dem Krieg entnommene Beweis vonder Mitschuld der Nation am Angriff gegen Deutschland ist ent-behrlich. Das Verhalten von Volk und Führern seit dem Kriegespricht deutlicher als alles dafür, daß sie sich für unüberwindlichhielten, noch heute nicht an ihre Besiegbarkeit glauben können, undein solches Volk trägt eben die Versuchung zum Angriff jahrausjahrein im Leibe. Wenn die Thiers, Favre, Gambetta den Kriegnicht gewollt hätten, ist ihre Schuld um so größer. Denn wiedurften sie solch ein Volk mit ihrer Taktik und Beredsamkeit stetsan den Rand des Kriegs führen, und da angekommen seinem Jn-stinct und der Einwirkung jener Parteien preisgeben, die aus übel-berathenem Imperialismus seit Jahren zum Krieg trieben? „MeinPatriotismus glaubt an die natürlichen Grenzen," rief einmalGramer de Cassagnac im gesetzgebenden Körper, uud als Favreeines Tages aussprach, daß er für Frankreich weder Belgien nochLuxemburg begehre, schrie derselbe Gramer: „L'sst uns konts!"
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