— 54 —
leichtsinnig seid ihr doch, nicht zu begreifen, daß die kaiserliche Re-gierung seit drei Jahren alles Erdenkliche thut, um unsern patrio-tischen Unwillen zu bezähmen, bloß im Juteresse des Friedens!"In diesem Bekenntniß war viel Wahrheit und Aufrichtigkeit ent-halten. Bemerkenswerth ist nicht nur die Wendung, welche demKaiser das Verdienst zuschreibt, den Krieg bisher vermieden zu haben,sondern auch das Geständniß, daß an die Stelle des einen Hassessofort ein anderer getreten war. Der Kaiser — und dies gehörtzu seinen Verdiensten — hatte den bornirten Haß gegen England mit großer Anstrengung ausgetrieben, den Haß, welcher noch zuLudwig Philipps Zeit in seiner grotesken Rohheit flvrirte, mit derMuttermilch eingesogen ward. Für dieses Bedürfniß irgendein Volkanzufeinden, mußte an Stelle des wegfallenden Englands ein an-deres Objekt treten, uud dieses Objekt bildete uaturgemäß Deutsch-land, welches zur Geltung in Europa kam, während England sichin seine Privatwirthschaft zurückzog. Feindschaft ist natürlich hiernur eine Umschreibung für Eifersucht. Denn wie im Innern dasfranzösische Staatsleben sich stets um das Problem dreht, wie einebesiegte Partei die herrschende vom Ruder verdränge, so hat vonallen Zeiten her es auswärtige Politik sich zur Aufgabe gemacht,den einflußreichsten Staat Europas offeu oder heimlich anzufeinden.Es ist dasselbe Princip ruheloser Eifersucht, und zur Stunde schonkann mau hören, wie mit Inbrunst gelobt wird, die künftige Ge-neration im Haß gegen Deutschland großzuziehen. So auch folgteneinander Legitimisten, Orleauistcn und Bonapartisten im Erbhaß.Anlage zur Leidenschaft und Intrigue brauchen stets einen Gegen-stand für das politische Getriebe nach innen und außen, welchemdas öffentliche Leben nicht Mittel zum Zweck, sondern ein emotions-reiches Drama mit unterlaufender Posse ist. Jedem, der ans Ruderwill, bietet sich die Ausbeutung dieser nationalen Eifersucht als das