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Die Austreibung der Deutscheu begann noch unter dem Mini-sterium Palikao, unter den Auspieieu Chevreau's, des Ministersdes Innern. Damals protestirte noch Pelletan, einer der Wenigen,die sich nicht zum Fanatismus sortreißeu ließen. Aber der Volks-wahnsinn trieb alle Regieruugen und Behörden vor sich her; einenach der andern schleuderte ihre Bannstrahlen. Wiederholt hatteman, der Natur der Sache entsprechend, für alle, die sich genügendrechtfertigen mochten, Aufenthaltserlaubniß gewährt. Aber derregelmäßige Verlauf dieser Maßregel war, daß nach wenigen Tagendem Begünstigten vom Commissär seines Viertels insinuirt ward:„formell habe er zwar die Ermächtigung zum Bleibeu, aber that-sächlich müsse man ihn doch auffordern, zu gehen, denn man könneihm nicht verbürgen, ihn vor der Volkswuth zu schlitzen." Leute,die zehn Jahre friedlich mit denselben Nachbarn auf demselbenFlur gewohnt hatten, wurden alsbald mißtrauisch von diesen an-geschielt uud bedroht. Die harmlosesten, ruhigsten Familien konn-ten nicht aus- und eingehen, ohne von dem Gesinde des Hausesmit unheimlichen Reden und Schimpfworten bedacht zu werden.Auf dem Lande, in Provinzialstädten trieb der bösartige Unsinnsein Wesen natürlich noch grasser. Eine bekannte Schriftstellerin,einer alten französischen Familie angehörig, mußte vou ihrem eige-nen Landsitze flieheu, weil sie ihre» Bauern als „Spionin" ver-dächtig ward. „Denn, sagten diese, was hätte sie nöthig so vieleBriefe und Zeitungen zu bekommen, weun sie es nicht mit demAuslande hielte?" Ein in Frankreich naturalisirter deutscher Ge-lehrter wurde iu der Stadt seiues langjährigen Wirkens auf derStraße mißhandelt, weil er einen Brief nach Deutschland zur Postgeben wollte, uud eutkam mit knapper Noth. Die Verrücktheitging so weit, daß bald jeder Ausländer als Verräther bedrohtwar. Zwei ledige englische Damen mußteu eine Pension in