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Zur Naturgeschichte des französischen Krieges / Ludwig Bamberger
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Meudou verlassen, weil man ihnen das Lebeil verbitterte;*) mehreredänische Familien mußten aus Cette flüchten; in den unbedeutend-sten Provinzialstädten wurden gewöhnliche deutsche Mägde, welchebei französischen Herrschaften dienten, als der Spionage für diepreußische Armee verdächtig denuncirt.

Es war in der That ein Glück und vielleicht von Humanitäts-rücksichten dictirt, daß Erömieux als eine, seiner ersten Regicrungs-maßregeln in Tours die Austreibung aller Deutschen anordnete.Vielen mag dadurch das Leben gerettet worden fein. Aber dieArt, wie diese Maßregel vollzogen ward, wie sich thierische Wuthdabei offenbarte, bleibt ein häßliches Andenken an den auf derOberfläche gut und liebenswürdig befundenen Charakter der Nation.Angenommen auch, die letzten Austreibungen aus Paris hätten dieVerminderung der zu ernährenden Belagerten zum Zweck gehabt,so entsprach die Art der Ausführung nur den Antrieben niedererLeidenschaft. Die schwächsten Kranken wurden rücksichtslos fortge-jagt. Ohne nur besonders umgefragt zu haben, kenne ich dreiFälle von wahrhaft empörender Unmenschlichkeit. Ich habe vormir den Brief einer deutschen Lehrerin liegen, die seit vielen Jah-ren paralysirt auf ihrem Schmerzenslager von einem kleinen Kreisunterhalten wurde. Sie schreibt mit zitternder Hand:Paris , den11. September 1870. Es betrifft mich ein Unglück, aus dem ichmich schwerlich wieder erholen kann. Ich muß Paris verlassen.Wohin mich wenden, weiß ich nicht. Allein reisen in meinem Zu-stand ist mir auch nicht möglich. Ich habe einige Aetien, die ichin einem Testament, das sich in meinem Zimmer befindet, der Ge-sellschaft, die mich bisher so treu erhalten, vermacht habe. Lassen

*) In derselben Pension versicherte ein französischer Oberst, authentisch zu wissen,Frankreich habe den Krieg erklart, weil der König von Preußen in EmszuBene-dctti gesagt habe, die Kaiserin Eugenie sei eine!