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Deutschlands Volkswohlstand 1888 - 1913 / von Karl Helfferich
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alter heldenhafter Grösse und glänzender Machtentfaltung,mancher Epoche herrlicher Geistesblüte und künstlerischerHochkultur; aber er findet nur eine Periode, in der die ge-samten Lebensverhältnisse sich in ähnlicher Weise, wennauch in viel bescheidenerem Massstabe, geweitet haben wiein dem Zeitalter, in dem wir leben: die Blütezeit der Re-naissance und Reformation. Damals wie heute reiften inder materiellen und geistigen Kultur die Früchte der Arbeitund der Kämpfe von Jahrhunderten, damals wie heute schiender Geist eines ungestümen Vorwärtsdrängens sich langeund schwer lastender Fesseln zu entledigen, das ganze Volkin seinen Tiefen zu durchdringen und es unaufhaltsam zuhöheren Lebensstufen zu führen.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Wer sich an denSchatten hält, der mag zweifelnd und absprechend beiseitestehen. Wer aber unserer Zeit in der Gesamtheit ihrervielgestaltigen Erscheinung gerecht werden will, der reihesie ein in den grossen Zusammenhang unserer Geschichte,der blicke vor allem zurück auf die Niederung, die unserZeitalter von der Höhe des 15. und 16. Jahrhunderts trennt.Wir sehen, um die Mitte des 16. Jahrhunderts beginnend,einen betrübenden Verfall: innere Zwistigkeiten zwischenKaiser, Fürsten, Ritterschaft und Städten, verschärft durchden Hader der beiden Konfessionen, verzehren die Kraft desReiches. Gewaltige Ereignisse von universeller Bedeutung,die Auffindung des Seeweges nach Indien und die Ent-deckung Amerikas, lenken die Bahnen des grossen Handelsvon Deutschland ab und führen anderen Staaten die ge-waltigen, aus den neuen Welten erwachsenden Vorteile zu.Deutschland verliert politisch und wirtschaftlich die Kraft,sich der Nachbarvölker zu erwehren, und wird das Schlacht-feld fremder Heere. Auf den tiefsten Jammer des dreissig-jährigen Krieges, der Deutschland entvölkert, verelendet und