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Deutschlands Volkswohlstand 1888 - 1913 / von Karl Helfferich
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Der Stolz über die gewaltige Leistung, die unsereNation unter ihres Kaisers Führung in Zusammenfassungaller ihrer wirtschaftlichen Kräfte im letzten Vierteljahrhundertvollbracht hat, ist unser gutes Recht, und dieses gutenRechtes müssen wir uns mehr und mehr bewusst werden.Die Zeiten der Not und Bedrückung haben tiefe Spuren imGefühlsleben unseres Volkes hinterlassen. Der Deutschehatte sich daran gewöhnt, beiseite zu stehen und sich vorder Ueberlegenheit anderer in Demut zu beugen. Als dannfür unser Volk die grosse Schicksalswende kam, die unsvon fremdem Joch erlöste und zur nationalen Einheit führte,da sind uns die Kräfte schneller gewachsen als das Kraft-bewusstsein. Auch heute ist dieses Gleichgewicht für dasVolk als Ganzes noch nicht gewonnen. Gerade in denernsten Lagen der letzten Jahre ist in weiten Kreisen oftgenug ein Mangel an Selbstsicherheit, beruhend auf der un-genügenden Kenntnis der eigenen Stärke, zutage getreten,hat die Gegner ermutigt und die eigene Stellung geschwächt.Die Rückschau auf den Weg, den unser Volk durchwanderthat, mag dazu beitragen, das deutsche Selbstvertrauen aufdie Höhe der deutschen Volkskraft zu bringen.

Aber diese Rückschau soll uns auch vor eitler Selbst-überschätzung und flachem Hochmut bewahren. Nur derPhilister kann, ohne dass ernste Untertöne mitschwingen,gedankenlos sich daran ergötzen,wie wir's dann zuletzt soherrlich weit gebracht. Wer die Geschichte der Völkerkennt, der weiss, dass jeder grosse Aufstieg neue und schwereProbleme schafft und Keime in sich trägt, die seinen eigenenWurzeln gefährlich werden. Selbst dem oberflächlichstenBeschauer unserer Zeit drängen sich Erscheinungen auf, dienicht danach angetan sind, eine geruhsame Befriedigung auf-kommen zu lassen. Die grossen Verschiebungen im innerenAufbau unseres Volkskörpers im Verhältnis von Stadt