»Inseln im Meer des Beliebigen«81dem Kriterium der»Realität des Leistbaren«35kann diese Aufgaberetro-spektivwohl auch langfristig nur im Ausnahmefall erbracht werden. Dasstatistische Verhältnis zwischen selbst- und unselbstständigen Publika-tionen verdeutlicht das Problem: Repräsentiert die Titelaufnahme einerMonographie ungefähr 200 bis 300 Seiten, umfasst gemäß den Erfah-rungen vonCompact Memory ein Beitrag aus einem historischen Peri-odikum durchschnittlich kaum vier bis fünf Seiten Text. Ein Zeitschrif-tencorpus von circa 500.000 Seiten würde demnach die Erfassung vonmehr als 100.000 Artikeln erforderlich machen, während im Fall vonMonographien nur rund 2.000 Einträge anfielen.Stellt die Erfassung unselbstständigen Schrifttums, die einem Standardwie zum Beispiel den»Regeln für die alphabetische Katalogisierung inwissenschaftlichen Bibliotheken«(RAK-WB) beziehungsweise den bis-lang nur als Entwurf vorliegenden»Regeln für die alphabetische Katalo-gisierung unselbstständiger Werke«(RAK-UW) folgen sollte, nicht eineherkulische Leistung dar? Ist es unter ökonomischen Gesichtspunktenüberhaupt zu rechtfertigen, dass sich ein Bibliotheksteam über Jahre die-ser Aufgabe widmet wohl wissend, dass das Ergebnis nur einen Trop-fen auf dem heißen Stein ausmacht? Lange vor Anbruch des digitalen In-formationszeitalters wurde die Forderung laut, dass verstärkt auch un-selbstständiges Schrifttum katalogisiert werden müsse. In den vergange-nen Jahrzehnten übernahmen teilweise Fachbibliographien diese Aufga-be. Mitte der 1990er Jahre folgten entsprechende Internetangebote, diesich aus nahe liegenden Gründen zumeist auf die laufend neuerschei-nenden, hauptsächlich naturwissenschaftlich-technischen Fachzeitschrif-ten konzentrieren.36DieretrospektiveKatalogisierung historischer Be-stände ist hingegen sicher nicht grundlos immer wieder aufgeschobenoder nur im Einzelfall angegangen worden.In diesem Zusammenhang lautet die zentrale Frage vor allem, ob sichdie Mühe in Zeiten der zunehmend effizienter arbeitenden Texterken-nungsprogramme überhaupt lohnt: Ohne Zutun eines Bibliothekarskönnte ein umfangreiches Corpus von Grafiken automatisch texterkanntund in digitalen, das heißt recherchierbaren Volltext umgewandelt wer-den. Im Ergebnis differenzierte das System zwar nicht zwischen distink-ten, bibliographischen Einheiten wie>Autor<,>Titel< und so weiter, was35Marianne Dörr: Planung und Durchführung von Digitalisierungsprojekten, S. 106.(Fußnote 7).36Vgl. Initiativen einzelner Bibliotheken bzw. Bibliotheksverbünde vor allem das Koope-rationsprojekt JADE, das die Recherche nach ca. 24.000.000 Aufsätzen aus rund42.000 Fachzeitschriften ermöglicht, die über den kostenpflichtigen Dokumentliefer-dienst JASON bestellt werden können.
Aufsatz in einer Zeitschrift
"Inseln im Meer des Beliebigen" : Architektur und Implementierung eines Internetportals Deutsch-jüdische Periodika
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81
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