Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
270
Einzelbild herunterladen
 

1_ ( 270 )----

Kaufmannschaft, Künste, Wissenschaften, Kriegs-Ue-bungen, oder auch Civil- undHofbediennngen, aus demStaube mehr empor zusteigen, oder sie setzen sich aufihre Guter, treiben das Landwesen, verzehren ihren ge-erbten Ueberfluß in Wohlleben. Bey allen solchen Le-bensarten, werden die Menschen entweder in das geschäf-tige Gewühlc ne.ch zeitlicher Ehre und Reichthümern so,,verneft, oder in dem müßigen Genusse abwechselnderErgvtzungen so ersoffen, daß sie sich gern einer weiter»,,Forfchung nach Wahrheit überhoben sehen, und ihreSeelsorger für sich denken lassen. Ein großer Theilschweift gar ans in sinnlichen Lüsten, Leichtsinn, Lasiern,,und Geringschätzung der Religion, da entweder dasglaubige Vertrauen auf ein fremdes Verdienst die Re-gungen ihres Gewissens stillen muß, oder doch zum äus-sersten Trost in der letzten Stunde verspart wird.

§. Z.Sehet denn, was den blinden Glauben ohnevernünftige Religion allen Ständen und Lebensarten be-liebt zu machen pflegt, und wie sich der geistliche Ordendieser Schwachheit d>'r Menschen zur Unterdrückung dergesunden Vernunft in der Erkenntniß Gottes zu bedie-nen weiß. Ich will noch nicht untersuchen, ob das wahreChristenthum, oder auch der äußerliche Zustand derKir-che durch dieses Mittel etwas gewinne. Meine ErsteFrage soll jetzt nur seyn: Haben die Herren Theolog !darum recht, daß sie die Vernunft und vernünftige Re-l'gion durch den Glauben verdrengen und ersticken?Das Beyspiel ihres großen LehrerSJcsu ist darinn nichtauf ihrer Seite. Denn der hat nichts als eine vernünf-tige